Großer Kampf im kleinen Derby

Entspannte Gesichter nach dem Punktgewinn in BochumDie Borussia kommt in der Bundesliga einfach nicht von der Stelle. Durch ein 3:3 - Unentschieden gegen den VFL Bochum stagniert der BVB, bleibt auf dem 13. Tabellenplatz und schafft es einfach nicht, dreifach zu punkten. Zum Glück gibt es ja das Pokalfinale, aber darf das von allen sportlichen Missständen ablenken?

Das Team von Thomas Doll startete personell mit der gleichen Aufstellung wie beim letzten Spiel gegen den KSC in die Partie. Nelson Valdez, gerade erst von der Nationalelf zurückgekehrt, stürmte wieder von Anfang an, auch weil Alex Frei verletzt von dem Länderspiel seiner Schweizer zurückgekehrt war. Selbst ein gesunder Frei hätte sich aber wahrscheinlich nur auf der Bank wiedergefunden, da ihm nach seiner langen Pause einfach noch die nötige Fitness fehlt. Neben Valdez begann Petric, der letzte Woche trotz eines Tores eine schwache Partie abgeliefert hatte. In Szene gesetzt werden sollten die beiden von Federico, der auf den Halbpositionen im Mittelfeld von Kringe und dem rechtzeitig wiedergenesenem Tinga unterstützt wurde. Kehl sollte wie gewohnt vor der Abwehr absichern und den ein oder anderen Angriff einleiten. Hummels und Wörns bildeten die Innenverteidigung, links außen agierte Dédé, sein Wiederpart auf der anderen Seite war Antonio Rukavina.

Die Partie begann furios. Die Borussen spielten in der Defensive  katastrophal und konfus, der Sturm war erst einmal völlig abgemeldet. Die ersten 20 Minuten gehörten den Bochumern und Support im Gästebereichehe sich die BVB-Fans versahen, war ihre Borussia mit 2:0 in Rückstand geraten. Christian Wörns erlebte einen Rückfall in vergessen geglaubte Zeiten und wurde so sogar zum Publikumsliebling bei den VFL-Fans. Jeder Ballkontakt von ihm wurde gefeiert, bereitete er mit seinen Ballverlusten doch meist gefährliche Offensivaktionen der Reviernachbarn vor. Der Rest des Defensivverbundes präsentierte sich da allerdings überaus kameradschaftlich und geschlossen: Auch die anderen „Defensivkünstler“ waren in der Anfangsphase völlig überfordert. Dabei war es nicht mal der VFL Bochum, der stark auftrumpfte. Viel eher wurden die Blauen durch unerklärliche Mängel in der BVB-Defensive starkgemacht. So verschuldete der gegen die Sonne spielende Marc Ziegler das erste Gegentor (3. Minute) fast im Alleingang, indem er eine harmlose Freistoßflanke direkt vor den Schützen Christoph Dabrowski klatschen ließ.Dieser musste nur noch einnicken. Auch das 2:0 von Auer wurde durch die freundliche Unterstützung der löchrigen Viererkette des BVB eingeleitet. Sebastian Kehl ließ sich auf der linken Abwehrseite wie eine Fahnenstange von Azaouagh (der mit der schlimmen Vergangenheit) umkurven, der in Szene gesetzte Auer musste nur noch vollstrecken (9.).

Choreo der Ultras Bochum in der Ostkurve Das Ergebnis wirkte sich auch auf die Anhänger auf den Rängen aus. Während die Dortmund-Anhänger, die auf den traditionellen Marsch in gewohnter Form verzichten mussten, immer mehr verstummten, wachten die Bochumer Fans auf. War ihnen der Einstieg in die Partie noch schwer gefallen, was durch die mehr als langweilige Choreografie auf der Ostkurve untermauert worden war, wurden sie durch den Blitzstart ihres Teams nun lautstarker. Insgesamt aber glänzten auch sie nur mit dämlichen Hasstiraden auf den BVB – und nicht etwa mit großartigen Anfeuerungsversuchen für ihre Mannschaft.

Sportlich war die Partie noch lange nicht entschieden, auch wenn es zuerst so wirkte, als bekäme die Borussia im Ruhrstadion eine echte Packung. Auch nach dem Zwei-Tore-Rückstand fing sich der BVB nicht, Folge waren weitere Großchancen durch Auer in der 14. Minute sowie durch Azaouagh (und jedes Mal bin ich froh, wenn ich diesen Namen endlich geschrieben habe) in der 26. Spielminute. Nur langsam schwamm der BVB sich frei, wenigstens den ein oder anderen Angriff initiierten die Offensivspieler jetzt. So hatte Tinga gleich zweimal die Chance nach einer Ecke den Ball ins Der Führungstreffer durch DabrowskiTor zu köpfen, scheiterte aber einmal an einem auf der Linie rettendem Bochumer (18.), ein anderes Mal am Aluminium (26.). Spätestens jetzt war zu merken, dass auch Bochum erhebliche Probleme in der Defensive hatte. Schon zu diesem Zeitpunkt konnte man sich sicher sein, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen und das letzte Tor noch nicht gefallen war. In der 30. Minute vollendete Florian Kringe eine schöne Kombination über Valdez und Petric, der Schuss des Mittelfeldmannes landete aber über dem Kasten des Schlussmannes Lastuvka.

Zu einer Schlüsselszene kam es in der 35. Minute. Der bis dahin starke Christoph Dabrowski, Torschütze des Führungstreffers, musste mit Verdacht auf einen Jochbeinbruch ausgewechselt werden, nachdem Hummels ihn mit dem Fuß im Gesicht getroffen hatte. Den Bochumer Defensivmann ersetzte der Neuzugang Ono, der sich allerdings eher unauffällig präsentierte.

Schon kurz darauf fiel etwas überraschend der Anschlusstreffer (37.) für die Borussia. Torschütze war Kehl gewesen, der nach einem Freistoß Dédés einen schulmäßigen Kopfball im Netz versenkte. Beim BVB war sichtlich zu spüren, dass die Hoffnung auf Punkte beim geplanten „Heimspiel in Bochum“ wieder aufkeimte. Endlich waren auch die Fans wieder lautstark da und Petric-Jubel nach dem Ausgleich bestimmten nun die Stimmung auf den Rängen. Ähnlich verhielt es sich auf dem Platz. Nur weitere zwei Zeigerumdrehungen später, in der 39. Minute, gab es wieder Freistoß für den BVB. Diesmal von rechts, wieder führte Dédé aus. Niemand anderes als Petric war mit dem Kopf zur Stelle und sorgte für den Ausgleich. Unglaublich! Innerhalb von nur zwei Minuten hatte das Team von Thomas Doll zurück in die Spur gefunden. Es wäre fast beeindruckend gewesen, wie die Schwarzgelben die Partie drehen konnten, wenn sie sich nicht – ja, irgendwie typisch für den Ballspielverein in dieser Saison – noch vor der Halbzeit wieder alles selbst kaputtgemacht hatten. Nach dem Motto „Der Nächste bitte“ waren es nun Valdez und Dédé, die sich die Vorarbeit für den nächsten Treffer von Benjamin Auer (43.) teilten. Zdebel sprang in einen Valdez-Pass, plötzlich stand Auer völlig frei vor Ziegler. Einfach unfassbar, wie viele Tore der BVB in dieser Saison den Gegnern schon geschenkt hat. Was ohne individuelle Fehler vielleicht möglich gewesen wäre... Darüber sollte man besser nicht nachdenken.

Dann war endlich Pause, versüßt durch einen merkwürdigen „Cheerleader-Tanz“ und einem sehr amüsanten und unglaublich kreativen „Prinzen-Cover“.

Die zweite Hälfte präsentierte sich wesentlich ereignisärmer als die erste. Jetzt war nur  noch der BVB am Drücker, das Team von Marcel Koller beschränkte sich fast ausschließlich auf das Defensiv-Spiel. Chancen durch Valdez, der vom herbeieilenden Lastuvka im letzten Moment gestört werden konnte (46.) und Petric (50.), der mit seinen Schüssen ein ständiger Unruhefaktor in der Offensive war, blieben die ersten wenigstens nennenswerten Aktionen der Borussen. Noch hatten sie Mühe, die jetzt gut stehenden Bochumer auszuspielen. Doch schon in der 53. Minute hätte Valdez den Ausgleich machen müssen. NachTinga im Kopfballduell mit Epalle einer tollen Flanke von Dédé setzt der Paraguayer den Ball mit einem Flugkopfball allerdings noch neben das Tor – ein Kunststück, das man ihm erst einmal nachmachen muss.

Mit dieser Riesenchance kam ein Bruch in das Dortmunder Offensivspiel. Plötzlich spielten auch die Bochumer wieder etwas offensiver und trauten sich mehr zu, was gegen die Dortmunder Defensive, die diese Bezeichnung zu keiner Zeit verdient hatte, sofort Früchte trug. Auch Ziegler war ungewohnt wacklig und beschwor durch Fehler gefährliche Situationen herauf (57.).

Dann geschah fast zehn Minuten lang nur wenig erwähnenswertes. Erst mit der Einwechslung von Klimowicz für den schwachen Federico in der 63. Minute wurde dem BVB-Offensivspiel neues Leben eingehaucht. Prompt fiel der Ausgleich. Petric bediente den eingewechselten Argentinier mustergültig, dieser hob den Ball über den herauslaufenden Lastuvka. Kurz vor der Linie drosch der ansonsten unauffällige Tinga den Ball in die Maschen (65.). 3:3! Wieder war der BVB zurückgekommen, wieder einem hatte der eingewechselte Klimowicz großen Anteil daran.

Das Geschehen auf den Rängen wurde aufgrund des Spielverlaufes immer stärker von den Schwarzgelben dominiert, was allerdings auch viel mit dem Spielgeschehen zu tun hatte. Insgesamt muss man aber sagen, dass auch die Fans nach einem schwachen Beginn immer besser wurden und das Duell gegen die Bochumer Fans auf Augenhöhe bestritten wurde. Ein echtes 18. Heimspiel wurde die Partie für die Borussen aber leider zu keiner Phase.

Jubel nach dem erneuten Ausgleich Und wieder verflachte das Spiel sofort nach dem Ausgleich, die Mannen von Doll ließen die Zügel schleifen und verwalteten das Ergebnis. Die Auswechslung von Kehl tat ihr Übriges. Ein Schuss von Petric in der 68. Minute sowie eine Kringe-Direktabnahme nach schöner Vorarbeit von Dédé in der 83. Minute waren die letzten Möglichkeiten für die Borussen, noch in Führung zu gehen. Bochum allerdings tat für das Offensivspiel auch nicht mehr besonders viel, einzig in der Schlussminute wurde es nach einem Eckball vor dem Tor von Ziegler noch einmal kurz gefährlich. Zählbares sprang dabei allerdings nicht mehr heraus.

Fazit: Wieder einmal präsentierte sich die Elf von Thomas Doll in der Defensive erschreckend schwach. Alle drei Bochumer Tore wurden kooperativ von Dortmundern vorbereitet, nur die starke Offensive um Petric konnte die Partie wieder herausreißen. Im nächsten Spiel ist nun auch noch der heute schwache Wörns gesperrt, was wieder einmal eine Umstellung der Viererkette nach sich ziehen wird.

Einzelbewertungen

Ziegler (4,5): Eine schwache Partie des Torhüters. Einige Unsicherheiten bei Flanken, hatte außerdem am ersten Tor eine große Mitschuld.

Rukavina (4): Der Flügelflitzer lief wieder einmal viel, beackerte seine Seite. Trotzdem ineffektiv (ungenaue Flanken) und auch defensiv nicht immer erster Sieger.

Wörns zeigte eine schwache Leistung Hummels (3,5): Anfangs auch ungewohnt schwach, stabilisierte sich aber wenigstens im Laufe der Partie und zeigte ab Minute 20 eine grundsolide Partie.

Wörns (5): Das war nicht der Wörns der letzten Spiele. Stockfehler, Ungenauigkeiten, Stellungsfehler – hoffen wir, es war ein einmaliger Ausrutscher.

Dédé (3): Noch der beste Borusse in der Viererkette. Gewohnt ballsicher, bereitete zwei Tore vor und schlug auch sonst einige gute Flanken. Hinten allerdings etwas schwächer. Pech, als Valdez ihn vor dem 3:2 schlampig anspielte.

Kehl (2,5): Der beste Borusse in Bochum. Stets anspielbereit. Ordnete nach der Anfangsphase die dann besser stehende Defensive, erzielte außerdem den Anschlusstreffer.

Kringe (3,5): Licht und Schatten wechselten sich bei dem Mittelfeldallrounder ab.

Tinga (4): Im Gegensatz zu den starken Auftritten in den vorhergegangenen Spielen eher blass und unscheinbar. Zudem einige einfache Ballverluste. Machte das 3:3, weil er am richtigen Platz stand.

Federico (5): Ein typischer Federico. Diesmal war er kaum zu sehen.

Valdez (4): Wie immer. Bemüht, viel Einsatz, aber unerklärliche Chancenverwertung. Zudem der Lapsus vor dem 3:2.

Petric (2,5): Hat wieder sein Tor gemacht, fädelte zudem das dritte Tor mit einem guten Pass ein und war auch sonst ständiger Unruheherd.

Stimmen zum Spiel

Thomas Doll mit Michael ZorcThomas Doll: In den ersten 20 Minuten hatten wir eine absolute Tiefschlafphase und sind vollkommen zurecht mit zwei Toren in Rückstand geraten. Dann kommen wir zurück. Das muss man sich mal vorstellen, wir kommen zurück, und nur kurze Zeit später, schenken wir den Bochumern wieder die Führung. Das war ja nicht schön herausgespielt von ihnen.
In der Halbzeitpause hab ich dann gespürt, dass jeder seine Fehler kannte, aber großartige Kritik keinen Sinn hat. Man muss in dem Moment nicht an die Fehler denken, sondern weiter spielen. Es waren ja noch 45 Minuten Zeit. Da müssen wir dann den Kopf hoch kriegen und wieder was zeigen. Über die Fehler kann man später, also morgen oder nächste Woche diskutieren. In der zweiten Hälfte haben wir gedrückt und verdient den Ausgleich gemacht. Ich denke, alles in allem ist das Remis gerecht.

zu Wörns Sperre: Das ist natürlich ärgerlich, Christian war trotz der Leistung heute wieder in eine richtig gute Verfassung gekommen und hatte sich zurück ins Team gekämpft. Jetzt muss ich die Viererkette mal wieder – ich weiß nicht mehr, zum wievielten Mal schon – umstellen.

Sebastian Kehl: In der Bundesliga spielen wir um die goldene Ananas und kommen einfach nicht von der Stelle, das ist sehr ärgerlich. Das Pokalfinale kann uns zum Glück etwas darüber hinwegtrösten, aber trotzdem ist der Ertrag in der Liga nicht zufriedenstellend.

Marcel Koller: Ich glaube auch, dass das Unentschieden alles in allem gerecht ist, auch wenn wir nach der Anfangsphase eigentlich gewinnen müssen. Der Bruch kam dann mit den Wechseln von Dabrowski und Zdebel, die ich beide wegen Verletzungen rausholen musste. Das ist natürlich ärgerlich, auch weil uns dann gegen Ende auch ein bisschen die Kraft fehlt.

zu Dabrowski Verletzung: Also es sah alles nach einem Jochbeinbruch aus. Er muss jetzt erstmal ins Spital und dann müssen wir sehen. Aber es ist möglich, dass da was gebrochen ist.

Aufstellungen und Statistik

Bochum: Lastuvka – Pfertzel (72. Epalle), Maltritz, Yahia, Bönig – Imhof – Zdebel (51. Concha) , Dabrowski (35. Ono) – Azaouagh – Sestak, Auer

BVB: Ziegler – Rukavina, Wörns, Hummels, Dédé – Kehl (68. Buckley) – Tinga, Kringe – Federico (63. Klimowicz)  – Valdez, Petric

Tore: 1:0 Dabrowski (3. Minute, Azaouagh), 2:0 Auer (9., Azaouagh), 2:1 Kehl (37., Dédé), 2:2 Petric (39., Dédé), 3:2 Auer (42., Zdebel), 3:3 Tinga (65., Klimowicz)

Gelbe Karten: Zdebel – Wörns (5., im nächsten Spiel gesperrt)

Zuschauer: 31.328 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Dr. Helmut Fleischer (Note 3), im Großen und Ganzen ohne spielentscheidende Fehler, auch wenn die ein oder andere Entscheidung fragwürdig war.

Daniel R., 29.03.08