„Hurra, das Dorf ist wieder weg...

Torjubel... und kommt hoffentlich nicht so schnell wieder zu Besuch." Diesen Gedanken dürften nicht wenige Borussen im Sinn gehabthaben, als sie die Fanschar der TSG Hoffenheim vor dem Westfalenstadion erblicken konnten - Fußballbezug war dort rar gesät, eine starke Ähnlichkeit zum letzten Betriebsausflug mit Chef und Sekretärin jedoch kaum zu leugnen. Borussia nahm das als willkommenen Anlass, die Belegschaft vom langfristigen Fußballkonsum fernzuhalten und mit der harten Realität einer bitteren Niederlage zu konfrontieren. Pokalfinale, wir kommen!

Viel war in den vergangenen Tagen und Wochen spekuliert worden, welcher Verlauf für das heutige Spiel wohl zu erwarten gewesen wäre. Einerseits ein sportlich eher mittelmäßig überzeugender BVB, der vor allem gegen Underdogs immer wieder mit großen ProblemenSpruchband Tradition vs. Hoffenheim kämpfen musste, andererseits eine kaum bekannte Kirmestruppe aus dem Kraichgau, die einen rasanten Durchmarsch durch mehrere Ligen vorzuweisen hatte und sich zuletzt anschickte, den Aufstieg in die erste Bundesliga durch eine beachtliche Siegesserie schon in diesem Jahr zum Thema werden zu lassen.

SAP-Magnat und (laut DSF-Videotext) Clubbesitzer Dietmar Hopp stopfte in den vergangenen Jahren eine Menge Geld in den biederen Verein und versuchte zwanghaft, traditionsreiche Vereine der Region zu einer zweifelhaften Fusion zu bewegen. Das Ziel, einen attraktiven Bundesligastandort in seiner Heimatregion zu schaffen, stieß vielerorts auf Empörung und Widerstand der Fanszenen - ein weiterer Retortenverein der Kategorie Wolfsburg, Leverkusen, Fürth oder Wehen-Wiesbaden wäre das Letzte, was man sich aus Sicht des Sports hätte wünschen können. Ein Musterbeispiel eines Vereins ohne Identifikationswert, Fanszene und sportliche Tradition, gelenkt von einem beinahe allmächtigen Manager - das Horrorszenario eines jeden Vollblutfans tat sein Übriges dazu, die Anspannung vor dem heutigen Spiel ansteigen zu lassen.

Um es kurz zu machen: die Realität war noch schlimmer als alles, was man sich so unter dem Dorfaufmarsch vorgestellt hatte.feiernde Südtribüne 71 Busse hatte der Verein organisiert, um über 3500 „Fans" (man verzeihe mir die Anführungszeichen) für 17 Euro nach Dortmund zu karren - Karte, Schal, Schminke und lustige Sparkassenfähnchen inklusive. „Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf", „Hoffe, Hoffe, Hoffe", „BVB Hurensöhne" und „Hurra, das ganze Dorf ist da" - das Repertoire des Gästeanhangs war schon ziemlich beeindruckend. Übertroffen werden konnte dieser Eindruck nur vom harten Kern des Hoffenheimer Anhangs, der beinahe alle Internet-Crashkurse zum Thema „Wie werde ich ultrá in acht Tagen?" auswendig gelernt zu haben schien: Jogginghose, Kapuzenpulli (mit Tribals!), grimmiger Blick und den Anschein erwecken, zu siebt auf gute 32 Jahre Knasterfahrung zu kommen - eine seltsame Welt, das.

Ähnliche Gedanken mussten sich auch im Kopf eines Journalisten abgespielt haben, der Thomas Doll nach Spielende mit der Frage konfrontierte, wie die Busaktion des Gastvereins denn so bei ihm angekommen sei. Mit scharfer Zunge hätte man das längere Zögern und Ringen um die diplomatische Antwort „Was soll ich denn dazu sagen?" durchaus falsch interpretieren können - das wollen wir hier aber nicht tun und schieben den zweiten Teil der Antwort gleich hinterher: „Grundsätzlich finde ich es gut, wenn eingefleischte Fans ihrem Verein hinterherfahren und diesen unterstützen. Das finde ich gut." Alles klar? Wollen wir es hoffen.

Pokal Choreographie Heute ging es also um alles: Einzug ins Pokalhalbfinale, Beenden des Hoffenheimer Höhenflugs und einen Dienst für ganz Fußballdeutschland leisten - ein Sieg musste unbedingt her!

Zum Feier des Tages gab es im Herzen der Südtribüne eine Choreographie zu sehen, die die Fangruppierung The Unity organisiert hatte. Zu sehen war eine Blockfahne mit einer riesigen Abbildung des Pokals der Begierde, dazu gereicht wurde ein fünf Meter hoher DFB-Pokal aus Styropor und einer Menge Leidenschaft. „Holt dat Ding na Doatmund!" - jetzt war endgültig jeder heiß!

Das Spiel begann recht munter, beide Mannschaften signalisierten ihre große Kampfbereitschaft. Die Gäste schienen sich dabei kaum von der lauten und wirklich gut gelaunten Südtribüne beeindrucken zu lassen, traten den Borussen stattdessen selbstbewusst entgegen. In der 3. Minute ein erstes Alarmzeichen: Martin Amedick hatte unbedrängt und ohne jede Notwendigkeit einen weiten Pass aus der Defensivbewegung über den halben Platz gespielt - dort stand jedoch weit und breit kein Borusse, was den Hoffenheimern einen hervorragende Konterchance eröffnete.

Das Sorgenkind Abwehr verharrte nun immer wieder hartnäckig im Gedächtnis, während sich die Dortmunder OffensivabteilungRobert Kovac im Zweikampf um eine deutliche Gegenreaktion bemühte. Eine Flanke Antonio Rukavinas auf Mladen Petric verfehlte ihr Ziel nur knapp, der direkt genommene Nachschuss Giovanni Federicos aus rund 25 Metern flog in Richtung Oberrang. Nur zwei Minuten später eine erneute Riesenchance für den BVB, als die Abwehr der Gäste den Ball nicht aus dem Strafraum befördern konnte und sich Alexander Frei die Chance zum unbedrängten Einschieben aus 10 Metern bot - leider traf er den Ball nicht voll, so dass auch diese Chance zu den vergebenen des heutigen Tages zählte.

Fehlpässe und unnötige Ballverluste prägten das Bild einer flotten Anfangsphase, wobei sich die Dortmunder Hintermannschaft durch schlampiges Passspiel das Leben selbst schwer machte und die Hoffenheimer Mittelfeldakteure ihre Konterchancen meist ebenso schlampig verstreichen ließen.

Um die 15. Spielminute herum fand Borussia immer besser ins Spiel und konnte sich in der Folgezeit ein deutliches Übergewicht erspielen. Immer wieder offenbarten sich Schwächen des Gästekeepers Ramazan Özcan, der bei der Abwehr harter Schüsse einen ebenso unsicheren Eindruck hinterließ wie bei Schüssen aus kürzerer Distanz. Dies sprach sich beim Gastgeber offensichtlich schnell herum, so dass sich Schüsse aus allen möglichen Lagen häuften. Besonders deutlich wurde diese Taktik in der 16. Minute, als Özcan einen Freistoß aus 30 Metern nur wegfausten und selbst den Nachschuss Robert Kovacs aus ähnlicher Distanz nicht aus der Gefahrenzone bugsieren konnte.

Eine ähnliche Chance bot sich Federico in der 20. Minute. Hoffenheim konnte den Ball nicht klären, Federico schnappte sich den Ball einige Meter vor dem gegnerischen Strafraum und zog aus einer halben Körperdrehung heraus trocken ab - ein sattes Pfund in den rechten oberen Winkel, das dem bislang unglücklich wirkenden Özcan keine Abwehrchance ließ. 1:0 für den BVB, Torjubel 1:0zu diesem Zeitpunkt hoch verdient. Unglaublich, wie kaltschnäuzig und souverän dieser Schuss im gegnerischen Tor untergebracht werden konnte - das war allererste Sahne und bekommt an dieser Stelle ein fettes Extralob. Was auch immer Thomas Doll mit Federico angestellt hat, irgendwie muss er ihm das in der Hinrunde so deutlich fehlende Selbstbewusstsein zurückgegeben haben - eher kleine Chancen mit einer derartigen Selbstverständlichkeit zu verwandeln, verdient allerhöchsten Respekt.

Zwei Minuten später eine Ecke für den BVB. Frei bringt den Ball präzise in den Fünfmeterraum, Sebastian Kehl verlängert und legt Tinga das Leder mustergültig auf den Schädel - das 2:0 aus heiterem Himmel und das Brechen aller Dämme auf der Südtribüne. Ein beeindruckend lauter Wechselgesang mit der Osttribüne und ein extrem aktiver Stimmungskern im Zentrum der Südtribüne machten akkustisch wie optisch klar, dass es hier für den Gegner nichts mehr zu holen geben sollte. Der aus rund 50 Mann und sieben Trommeln bestehende Stimmungs- oder besser Klatschkern der Gäste ließ hingegen von Spielbeginn an zu wünschen übrig. Mit Ausnahme des bereits erwähnten Standardrepertoires kam überhaupt nichts von der Nordtribüne, das zudem in kaum wahrnehmbarer Lautstärke - großartig, dass wenigstens die Blockfahne „TSG Fanatics Heidelberg" auf der Nordosttribüne ausgelegt werden und somit die Realsatire zur Vollendung treiben durfte.

Borussia lehnte sich nunmehr etwas zurück. Das Wesentliche war getan, nun konnte man auf Konter warten und Kräfte für das schwere Spiel in Bremen schonen. Hoffenheim bekam auch weiterhin nur wenig zustande, suchte sein Glück immer wieder in Form miserabler Schwalben Demba Bas und bekam nun zunehmende Schwierigkeiten mit der Dortmunder Abwehr, die sich langsam aber sicher stabilisiert hatte.

Ein Freistoß Francisco Copados nach Foul Sebastian Kehls konnte vom heute recht schwach aufgelegten Marc-Andre Kruska zur Ecke geklärt werden, die recht einfallslos in das Gewimmel geschlagen wurde. Unmotiviert fiel Ba plötzlich um und weinte jämmerlich - Schiedsrichter Dr. Felix Brych entschied auf Strafstoß. Copado schnappte sich den Ball und drosch ihn in die Maschen - Elfmeter ausführen will aber gelernt sein, weshalb Dr. Brych Copado eine weitere Trainingsgelegenheit imverwandelter Strafstoß zum 2:1 Wiederholungsversuch einräumte. Trotz wahnsinnig lauter Pfiffe verwandelte Copado sicher und markierte in der 38. Minute den Anschlusstreffer.

Was jedoch den Schiedsrichter zum Elfmeterpfiff verleiten konnte, wusste niemand so recht, wie Thomas Doll später zusammenfasste: „Ich habe da nichts gesehen, die Spieler haben nichts gesehen, im Fernsehen war nichts zu sehen, niemand hat da irgendwas gesehen. Martin Amedick sagt mir, dass er nichts gemacht hat. Der Schiedsrichter stand aber gut: Warum gibt er da Elfmeter? Ich verstehe das nicht." Hoffenheim profitierte nun von einer kurzen Phase Dortmunder Unkonzentriertheit und konnte gegen Ende der ersten Halbzeit wieder ein wenig Tritt fassen. Wieder einmal wurde somit ein hoffnungslos unterlegener Gegner durch eine Einzelsituation zurück ins Spiel gebracht. Ob mit Hilfe des Schiedsrichters oder nicht, ist irrelevant - diese Anfälligkeit muss schnellstmöglich abgestellt werden, wenn in den nächsten Wochen Punkte gegen die richtig harten Brocken Bremen, Hertha und Hamburg geholt werden sollen.

Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte. Hoffenheim mit leichtem Oberwasser, Borussia zögerlich mit dem Wissen um den eigenen Vorsprung und die ausgezeichnete Konterstärke im eigenen Stadion. Im Wissen um die aussichtsreiche Elfmeterschinderei besannen sich Chinedu Obasi und Kollegen immer wieder auf ihre latente Fallsucht, die trotz unverschämt schlechter Haltungsnote nicht mit einer gelben Karte bedacht wurde.

Das Spiel stand nun auf der Kippe. Während die Gäste immer wieder gefährlich vor das Dortmunder Tor kamen, hielt der Schlendrian in der Vorwärtsbewegung Borussias immer wieder Einzug. Kein Wunder also, dass es wieder einmal über Standards gehen musste. Kruska wurde aus dem Gleichgewicht gebracht, als Konzessionsentscheidung zum Elfmeter gab es nun einen Torjubel 3:1aussichtsreichen Freistoß aus halbrechter Position für den BVB. Frei zog den Ball mit viel Effet in den Strafraum hinein, Petric stand goldrichtig und nutzte die butterweiche Flanke zum sehenswerten und eminent wichtigen 3:1.

Die Vorentscheidung war nun gefallen, doch gaben sich die Gäste noch lange nicht auf und suchten ihr Heil immer wieder in der Offensive. So tauchte nur eine Minute später Copado mutterseelenallein vor Marc Ziegler auf - der war jedoch aus seinem Tor herausgeeilt und konnte mit einem klasse Reflex den erneuten Rückschlag vermeiden.

Wiederum nur einige Augenblicke später, in der 60. Minute, musste Ziegler erneut sein gesamtes Können unter Beweis stellen. Ein Hoffenheimer Torschuss wurde in letzter Sekunde abgefälscht, doch Ziegler war schon auf dem Weg in die falsche Ecke. Auf dem Boden liegend bemerkte er den in Richtung Tor kullernden Abpraller und kratzte den Ball geistesgegenwärtig und mit einem Wahnsinnsreflex von der Linie. Fünf Minuten später die nächste Großtat: Sejad Salihovic hatte einen Freistoß aufs Tor gebracht und Amedick einen Abwehrversuch unternommen - Ziegler lenkte den Ball reaktionsschnell über die Latte und wurde nun zum Erfolgsgaranten.

Die Abwehrarbeit Borussias war nun immer öfter von abstrusen Stellungs- und Passfehlern geprägt, die Hoffenheim eine Chance nach der anderen eröffnete. Eine derart offensivstarke und angriffslustige Zweitligamannschaft sieht man nicht alle Tage, erst recht nicht, wenn sie über eine so gute Spielanlage verfügt wie der Gegner des heutigen Abends - trotz des vermeintlich sicheren Vorsprungs war die Gefahr noch lange nicht gebannt.

Auf der anderen Seite hingegen boten sich ungeahnte Freiräume für Dortmunder Konter. Immer wieder standen Dede, Rukavina, Petric, Frei oder der eingewechselte Diego Klimowicz in deutlicher Überzahl vor dem Tor des Gegners, konnten ihre Chancen aber nicht nutzen. Leichtsinnigkeit, Überheblichkeit, Fehler in der Ballannahme und eine große Portion Pech sorgten dafür, dass Borussia nicht noch die Tore 4-8 nachlegte, während sich ein herausragender Ziegler im eigenen Kasten redlich bemühte, die Gegentore 2-5 zu verhindern. Obwohl das Spiel Mitte der zweiten Halbzeit deutlich an Tempo verloren hatte, blieb es doch immer spannend und zumeist recht ansehnlich.

Die Schlussphase hatte es dann noch mal in sich. In der 82. Minute gelang es Salihovic einen Freistoß am rechten StrafraumeckTinga im Zweikampf zu schinden, den er anschließend selbst ausführte. Ein bis auf den letzten Millimeter passender und mit viel Schnitt versehener Schuss ins lange Eck hätte den Anschlusstreffer bedeuten müssen, doch war wieder einmal Ziegler auf dem Posten und lenkte den Ball mit einer unglaublichen Parade ins Aus. Für Hoffenheim war die Luft nun vollends raus, während sich die Dortmunder Angriffsabteilung hilflos bemühte, eine der diversen Großchancen zum Torschuss zu entwickeln.

Der BVB entschied die unterhaltsame Partie verdient mit 3:1 für sich, hatte dabei jedoch großes Glück, seine Tore in den entscheidenden Momenten geschossen und mit Marc Ziegler einen Torwart in bestechender Form in seinen Reihen zu haben. Hoffenheim spielte über weite Strecken des Spiels munter mit und erspielte sich eine Reihe hervorragender Möglichkeiten, die jedoch einfach nicht genutzt wurden.

Wie dem auch sei: Gut für Borussia Dortmund und gut für den deutschen Fußballsport, dass die Erfolgsserie der besseren Betriebsmannschaft aus der Fußballödnis ein Ende fand. Im Halbfinale wartet mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein attraktives Los auf den BVB, der ganz große Triumph ist nicht mehr weit. Wer den geilsten aller Anblicke des heutigen Tages, weit über 50.000 hoch über die Köpfe erhobene Arme auf der proppevollen Südtribüne, in voller Pracht genießen durfte, kennt den sehnlichsten aller unserer Wünsche:

HOLT DAT DING NA DOATMUND!

Weitere Informationen zum Spiel (DvB)

Stimmung auf der Südtribüne

Die Pokaleurophie war auch trotz mäßig gefülltem Stadion (mein Gott, es sind 55.400 Zuschauer da und wir müssen von einemDede nach dem Spiel mäßig gefüllten Stadion sprechen...) deutlich zu spüren. Der Support war von Anfang da. Die riesige Nachbildung des DFB-Pokals war schon vor dem Anpfiff zu sehen. Nach den schnellen zwei Toren schmetterten die BVB-Fans den Hoffenheimern entgegen, wohin sie fahren können (nämlich nach Hause). Gleichzeitig machte die Süd aber klar, dass wir alle demnächst auch wo hin fahren wollen, nämlich nach Berlin. Wechselgesänge gab es schon in Minute 28. Und diesmal machte nicht nur der Südosten mit, sondern die halbe Osttribüne. Auch der Südwesten stimmte laut mit ein. Den kurzen Schock des Anschlusstreffers überstanden die BVB-Fans gut.

Auch in der zweiten Halbzeit stimmte der Support. Und obwohl das Weiterkommen schon irgendwie Minuten vor Schlusspfiff feststand, entlud sich die Spannung in einem Riesenjubel, als Felix Brych abpfiff. Die Südtribüne wollte feiern. Die Mannschaft eher nach Hause. Aber eine gemeinsame Humba, bei der die Profis dann doch eine Menge Spaß hatten - besonders Nelson Valdez, der Dede ordentlich in den Allerwertesten trat -, fand dann doch noch statt.

Zum Schmunzeln regte der Auftritt der Hoffenheimer Touristen an. Die mehreren tausend mit Sponsorbussen ins Ruhrgebiet gefahrenen Zuschauer machten schon vor dem Westfalenstadion mit süßen Anweisungen wie "Alle in Zweierreihe aufstellen" auf sich aufmerksam. Im Gästeblock sprangen teilweise 15 bis 20 Leute gleichzeitig hoch. Und zu YNWA hielten sie ihre blauen Sponsorenschals stramm in zwei Händen über dem Kopf, vereinzelt jedenfalls. Sind gute Schüler, die Hoffenheimer Fan-Azubis. BVB-Schmähgesang gehört auch schon zum Repertoire. Und "Auswärtssieg"-Gebrülle hatten sie schon weit vor dem Anpfiff parat. Satirisch wurde es dann eine viertel Stunde vor Schluss. Die Mannschaft von Ralf Rangnick tat alles, um den Anschlusstreffer zu erzielen und der Gästeblock hatte nichts Besseres zu tun, als ein "Wir wollen euch kämpfen sehen" anzustimmen. Da paart sich mangelnder Fußballsachverstand mit jetzt schon völlig überzogendem Anspruchsdenken. Naja, in 17 Jahren von Kreisliga A bis 2 . Bundesliga verkraftet auch der beste schwäbische Ultra nur schwer.

Stimmen der Trainer

Thomas Doll: „Wir sind sehr glücklich darüber, erstmals nach, äähh, ich weiß gar nicht, nach wie vielen Jahren......."

Josef Schneck (Pressesprecher BVB): „Ich sage es gerne noch mal, Thomas, 19 Jahre."

Thomas Doll in der Pressekonferenz Thomas Doll: „.... also nach 19 Jahren wieder ins Halbfinale eingezogen zu sein. Wir sind sehr gut ins Spiel gekommen, haben es aber versäumt, Ruhe in unser Spiel zu bekommen, hatten zu viele Ballverluste und zu viele verlorene Zweikämpfe im Mittelfeld. Auch in dieser Phase haben wir zu wenig Gegenwehr gezeigt. Die zweite Halbzeit war mit viel Licht und viel Schatten. Auch nach dem 3:1 haben wir es nicht verstanden, Ruhe in unser Spiel zu bekommen, wir hatten Riesenkonterchancen, aber die finalen Pässe kamen nicht an. Dank Marc Ziegler haben wir diese Phase überstanden. Wir wussten, dass es ein schweres Spiel sein wird. Ich denke, dass es am Ende ein verdienter Sieg für uns war. Wir haben jetzt sechs der letzten neun Pflichtspiele gewonnen. Das ist ein Aufschwung, den wir beibehalten wollen."

Ralf Rangnick: „Glückwunsch an Thomas Doll und seine Mannschaft. Wir wussten, dass wir hier nur dann eine Chance auf eine Sensation haben würden, wenn wir 90 Minuten lang sehr gut spielen. Wir haben es aber nur in Teilen geschafft, gut zu spielen. In den ersten 20 Minuten hat man einigen die Nervenbelastung angemerkt. Wir haben relativ früh zwei Gegentore kassiert, dann allerdings eine gute Reaktion gezeigt. Der Anschlusstreffer vor der Pause war psychologisch wichtig. Dann aber haben wir erneut nach einer Standardsituation ein Gegentor kassiert, anschließend zwei Riesenmöglichkeiten zumRangnick in der PK erneuten Anschluss nicht genutzt. Marc Ziegler hat den BVB mit zwei, drei Paraden im Spiel gehalten. Man darf nicht vergessen, dass wir gegen einen ambitionierten Erstligisten ausgeschieden sind. Wir haben viele junge Spieler, die eine solche Partie bis heute nicht erlebt haben. Dennoch haben wir sie bis zur 85. Minute offen gehalten. Ich denke, auch Thomas hatte es bis dahin nicht abgehakt. Ab der 88. Minute hatte man aber das Gefühl, dass es gelaufen sei."

So haben sie gespielt:

BVB: Ziegler - Rukavina, Amedick, Kovac, Dede - Tinga, Kehl, Kruska - Federico - Frei, Petric
Hoffenheim: Özcan - Ibertsberger, Janker, Compper, Löw - Gustavo - Teber, Copado, Carlos Eduardo - Obasi, Ba

Einwechselungen: 70. Hummels und Buckley für Federico und Kruska, 76. Klimowicz für Kehl - 57. Salihovic für Löw, 70. Ibisevic für Copado, 81. Weis für Ba.

Tore: 1:0 Federico (20., Tinga), 2:0 Tinga (23., Ecke Frei), 2:1 Copado (38., Foulelfmeter, Amedick an Ba), 3:1 Petric (54., Freistoß Frei).
Eckstöße: 3:11 (Halbzeit 2:3), Chancenverhältnis: 6:7 (4:3).

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München). Gelbe Karten: Amedick, Tinga, Frei - Teber, Gustavo, Löw, Salihovic.
Zuschauer: 55.400. Wetter: regnerisch, 8 Grad.

Einzelbewertungen

Marc Ziegler: In der ersten Halbzeit eher beschäftigungslos. In der zweiten Halbzeit zeigte er Superparaden. Am Elfer war er zweimal fast dran. Trotzdem wieder der Pokalheld. Note 1

Antonio Rukavina: Arbeitet viel, hält seine Seite weitestgehend sauber. Schaltet sich gerne und häufig in den Angriff ein. Blieb aber auch nicht vom Fehlpassvirus verschont. Note 3+

Martin Amedick: Was war denn mit dem Amedick los? Völlig nervös leistete er sich einen Bock nach dem anderen und fand nurMartin Amedick im Zweikampf selten seine Sicherheit. Der Elfer war allerdings eine Fehlentscheidung. Trotzdem 4-

Robert Kovac: Auch teilweise konfus im kongenialen Zusammengemurkse mit Martin Amedick. Note 4

Dede: Licht und Schatten für den Brasilianer. Kämpferisch vorbildlich, aber auch haarsträubende Fehler dabei. Note 4+

Tinga: Ging keinem Zweikampf aus dem Weg und leistete genau das, was von ihm erwarten darf. Note 3

Marc-Andre Kruska: Die vielen Wochen auf der Bank taten ihm sichtlich ungut. War selten anspielbar, er versteckt sich lieber hinter seinem Gegenspieler. Und wenn er den Ball dann hatte, passierten ihm leichteste Stockfehler und Fehlpässe. Note 5

Sebastian Kehl: Kämpferisch wie immer ok, zeigte auch ganz gute Offensivaktionen, aber der Magen-Darm-Infekt und die Tritte seiner Gegenspieler schienen ihn noch etwas zu hemmen. Note 3-

Giovanni Federico: Wie immer: Wenn er den Ball hat, brandgefährlich. Wenn er ihn nicht hat, fordert er ihn auch nicht. Supertor. Note 3

Mladen Petric: Scheint immer noch gehemmt vom Grippevirus, hielt aber wieder 90 Minuten durch. Seine guten bis brillanten Ideen scheiterten an Ungenauigkeiten oder am Verständnis der Mitspieler. Note 3+

Alex Frei: Der Junge will, das merkt man in jeder Sekunde. Es ist kein Zufall, dass der BVB vermehrt siegt, seit Frei wieder voll dabei ist. Jetzt fehlt ihm nur noch mehr Spritzigkeit und ein Tor. Blöde gelbe Karte, über die er sich hoffentlich nicht noch ärgert, kurz vor Abpfiff. Trotzdem Note 2-

Diego Klimowicz: Absolut ok, was er zeigte. Einmal erstaunte er das Publikum mit feinster Technik auf engstem Raum. FingDie Mannschaft macht mit dem Publikum die Welle nach dem Spiel Bälle im Mittelfeld ab, kämpfte. Könnte aber vor dem Tor auch mal den Mitspieler sehen. Note 3-

Mats Hummels: Er hielt schon den Laden gegen Rostock beisammen, als er eingewechselt wurde. Wirkt zwar etwas unbeweglich, aber steht halt oft richtig. Note 3+

Delron Buckley: Nachdem er zwei Spiele lang alles richtig machte, produzierte er in den 20 Minuten, die er gegen Hoffenheim ran durfte, nur Müll. Es sei ihm verziehen. Note 5

Knüppler17, 27.02.2008