Marc Ziegler, Du Elfmetergott!
Ein Szenario, in Dortmund eigentlich undenkbar. Dafür ist der Werdegang des Vereins zu eng mit der Geschichte dieses Wettbewerbs verwoben. Zu viele Wegmarken, Wendepunkte, unglaubliche Siege und noch unglaublichere (Halbfinal-) Niederlagen.In Dortmund hat der Pokal nicht nur eine lange, ruhmreiche Tradition, er erfreut sich auch nach wie vor größter Beliebtheit.
Man respektiert seine einfachen Regeln, seinen kämpferischen Charakter und seine Ehrlichkeit von maximal 120 Minuten. Über 64.000 Zuschauer an einem Winterabend im Januar - mitten in der Woche - (trotz Liveübertragung im öffentlich-rechtlichen TV) beweisen: In Dortmund wird Pokal gelebt, Pokal ist Mission und die letzte Endspielteilnahme, im kollektiven Gedächtnis allein schon durch Norbert Dickel fest verankert, liegt auch schon wieder 19 Jahre zurück. Eigentlich Zeit für neue Helden, oder? Aber dazu später mehr.
Mit Werder Bremen kommt das norddeutsche Pokal-Pendant ins Westfalenstadion. Ähnlich große Erfolge im Pokal, eigentlich die typischste deutsche Pokalmannschaft. Da muss man sich nur einmal vor Augen führen, wie viele Pokalabende (national und international) man aus dem Bremer Weserstadion kennt. Es gibt wohl kaum eine deutsche bzw. europäische Mannschaft von Format, die dort noch nicht unter die Pokalräder gekommen ist.
Herzlich Willkommen, die Winterpause ist endlich vorbei, uns begrüßt ein bitterkalter Abend im Dortmunder Westfalenstadion. Rund ums Stadion anscheinend eine einzige Verkehrsmeldung auf WDR 2. Werder an diesem Abend, wie immer, von einigen Tausend Anhängern über die A1 begleitet. Vor dem Stadion ist sehr viel grün-weißer Anhang zu sehen und zu hören. Das Pokalfieber und das Ende der winterlichen Leidenszeit hat offenbar auch die Reiselust in der Hansestadt geweckt.
Die Anfangsphase geht ganz klar an Werder. In den ersten 15 Minuten bereits drei Hochkaräter für die Mannen von der Weser. Dortmund mit vielen Fehlern, besonders der Spielaufbau läuft eher schleppend.
Auf den Rängen mag auch nicht so richtig Stimmung aufkommen. Wolle müht sich nach Kräften und die Süd stimmt auch immer brav mit ein. Aber anscheinend sind alle viel zu nervös, um andauernd und frenetisch anzufeuern. Außerdem trägt das Spiel des BVB auch nicht dazu bei, auf den Rängen „abzugehen". Zu zerfahren ist die Partie, zu viele Fehlpässe erzeugen immer wieder Schreckmomente.
In der 19 Minute wie aus heiterem Himmel das 1:0 für Borussia Dortmund. Nach ganz feiner Vorarbeit von Mladen Petric behält Federico vor dem Gehäuse die Nerven und macht ganz überlegt das 1:0. Überraschend kommt die Führung zu diesem Zeitpunkt schon. Dortmund bisher noch nicht wirklich im neuen Jahr angekommen. Werder hat ganz klar mehr vom Spiel.
Nach dem Gegentreffer verliert Werder mehr und mehr den Faden. Die Situationen nun weniger zwingend. Die Präzision lässt auf beiden Seiten nach. Das Spiel verflacht insgesamt etwas. Der Bremer Anhang ist nun eher hanseatisch zurückhaltend und wohltuend leise. Auch in Dortmund sollte man die Peak-Level-Search noch nicht laufen lassen. Da geht in Sachen Pokalstimmung bestimmt noch mehr. Bis zur Pause nur noch wenige Aufreger. Werder mit leichten Feldvorteilen, Dortmund immer dann etwas unsicher, wenn Werder versucht, das Tempo anzuziehen. Noch 45 Minuten bis Berlin ok, erst einmal bis in die nächste Runde.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit klappt es dafür schon ganz gut mit dem Wechselgesang. Für den Rest dieses Spielabschnitts benötigt ihr gute Herztropfen, einen Ersatztorwart und meinen Kollegen Daniel. Der möchte euch nämlich auf dem weiteren Weg nach Berlin begleiten. Schnallt euch an. Es geht auf nämlich auf eine Achterbahnfahrt.
Eine Achterbahnfahrt, die aber zunächst sehr gemächlich losging. Bis zur 60. Minute passierte nicht viel, außer, dass der BVB immer noch viele Ungenauigkeiten und schlampige Anspiele produzierte, die Werder aber nicht ausnutzen konnte. Doch plötzlich kamen unsere Jungs mehr und mehr gefährlich vor das Gehäuse von Tim Wiese. Ohne allerdings daraus Kapital schlagen zu können. Positiv auf die Stimmung schlug es sich aber auf jeden Fall aus. Daniel, in der zweiten Halbzeit für das Anstimmen der Gesänge zuständig, musste gar nicht mehr viel machen, plötzlich wurde es lauter auf den Rängen.
Ein typisches Pokalspiel sieht aber trotzdem anders aus. Innerlich stellte sich der ein oder andere sicher schon auf einen knappen, über die Zeit geretteten Sieg ein, zu ungeschickt agierten die Bremer vor Zieglers Gehäuse. Und als Klimowicz dann in der 82. Minute wunderbar Wiese ausspielte und zum 2:0 einschob, war die Banane eigentlich geschält. Ein weiterer Schritt Richtung Berlin war getätigt.
Oder auch nicht: Nobby Dickel hatte das 2:0 noch nicht ganz verkündet, da traf der ansonsten starke Martin Amedick den Ball im eigenen Strafraum nicht richtig und Sebastian Kehl musste grätschen. Leider nicht nur den Ball sondern auch noch Rosenberg um. Elfmeter.
Nun sind ja Elfmeter gegen uns eigentlich gleichbedeutend mit Tor für den Gegner. Aber diesmal stand ja Marc Ziegler zwischen den Pfosten. Hoffnungsschimmer. Mit den Fingerspitzen war er an Diegos Schuss. Trotzdem 2:1. Noch eine Minute später waren die Weser-Kicker schon wieder bei uns im Strafraum und Amedick soll Rosenberg am Trikot gezogen haben. Fandel zeigte tatsächlich erneut auf den Punkt. Sollte das ganze schöne Spiel durch zwei blöde Fehler innerhalb von zwei Minuten kippen?
Doch dann passierte etwas, an das wir uns noch in 50 Jahren, wenn die Blauen ihr 100-Jähriges feiern, erinnern werden. Wie in Zeitlupe passierten folgende Dinge, die ich nun im Stakkato-Takt erzähle:
Diego legt sich den Ball hin. Ich sage zu Felix: Wieder in die gleiche Ecke. Felix nickt. Diego läuft an. Ziegler fixiert ihn konzentriert. Diego schießt - in die andere Ecke, Ziegler taucht ab. Und hält den Ball. Der fliegt hoch, Diego setzt zum Fallrückzieher an. Trifft den Ball nicht richtig. Irgendein Borusse klärt. Ein unmenschlich lauter Jubel. Springende Schwatzgelbe. Die Südtribüne zittert.
Selten hat man im Westfalenstadion solch einen Jubel gehört. Es erinnerte ans Derby im Mai. Nur dass diesmal „nur" ein gehaltener Elfmeter gefeiert wurde. Die gesamte Anspannung entwich der Gelben Wand. Von nun an war Riesenstimmung angesagt. Eine Minute vor Schluss wurden die ersten „Berlin, wir fahren nach Berlin"-Gesänge angestimmt. Schlusspfiff.
Eine nette Geschichte, nein, eher eine Vermutung, zum Schluss. Neben dem BVB-Mannschaftsbus unter der Osttribüne, direkt am Eingang zum Kabinengang, stand ein oller, alter Volvo mit Berliner Kennzeichen. Ich bin mir sicher, er sollte der Mannschaft als Symbol für die Fahrt nach Berlin dienen. Bitte lasst den Volvo stehen.
Die Trainerstimmen :
Thomas Schaaf:
Wir haben ein Riesenspiel gemacht, da kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Eigentlich mussten wir nach 20 Minuten mit 4:1 führen. Die Gegentore waren vermeidbar, das waren Fehler, die uns so nicht passieren dürfen. Das haben die Dortmunder dann clever gemacht. Trotzdem, wir haben ein gutes Spiel gemacht. In den entscheidenden Situationen allerdings waren wir nicht nah genug am Mann.
Thomas Doll:
Gerade zu Beginn waren wir zu unruhig. Werder ist natürlich eine richtig gute Mannschaft. Die haben uns das Leben richtig schwer gemacht. Wir mussten nach der Hinrunde, mit dem ganzen Auf und Ab, einfach kompakter stehen. Daran haben wir in der Winterpause gearbeitet. Intensiv gearbeitet. Das hat heute auch ganz gut geklappt. Besser geht es immer, aber eigentlich standen wir heute kompakt und ziemlich sicher. Der Sieg war sehr wichtig für den Start ins Jahr 2008. Wir wollten gut ins neue Jahr starten. Vielleicht haben wir dabei gegen wirklich starke Bremer auch etwas Glück gehabt.
Die Mannschaften spielen wie folgt :
Borussia Dortmund:
Ziegler, Amedick, Kehl, Kringe, Tinga, Federico (70. Buckley), Valdez (66. Klimowicz), Petric (90. Hummels), Rukovina, Dede, Kovac
SV Werder Bremen:
Wiese, Pasanen, Naldo, Baumann (68. Diego), Rosenberg, Tosic, Hunt, Klasnic (63. Almeida), Jensen, Borowski, Mertesacker
Schiedsrichter: Herbert Fandel (Kyllburg / Rheinland )
Zuschauerzahl: 64.100 (zahlende)
Rolf/DvB - 30.01.2008
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