Das Transferkarussell dreht sich
(Sascha) Dafür dass der BVB in der Sommerpause verkündete, man habe den Kader erheblich verstärkt, ist unsere Borussia in der Winterpause gewaltig am rotieren. Teils aus Verletzungsnot heraus, teils aufgrund einer Fehleinschätzung der tatsächlichen Leistungsstärke des Kaders, sind Susi Zorc und Aki Watzke in der Winterpause gleich auf verschiedenen Baustellen unterwegs. Ein Torwartersatz für den Langzeitverletzten Roman Weidenfeller, ein zusätzlicher Innen- und ein neuer Rechtsverteidiger will man möglichst noch bis zum Beginn des Trainingslagers verpflichten. Grund genug, die kursierenden Transfers und Gerüchte mal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Innenverteidigung:
Gestern Mittag verkündete der BVB ein Transfer, der schon länger in der Gerüchteküche vor sich hin brodelte. Der 19-jährige Mats Hummels wechselt auf Leihbasis für die nächsten anderthalb Spielzeiten von der Reserve des FC Bayern München in die Bierstadt.
Von der Reserve? Was manch einem, der noch dem Glanze vergangener Tage nachweint, erschrecken mag, ist von der sportlichen Seite eine sinnvolle Verstärkung. Hummels kann sowohl in der Innenverteidigung, als auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden und besitzt eine Stärke, die in unserem Defensivverbund oft schmerzlich vermisst wird - die Spieleröffnung. Im Lande der Lederhosen wird Hummels von allen Seiten, allen voran Regionalligatrainer Hermann Gerland, eine glänzende Perspektive für die Zukunft vorhergesagt. Da in der Verlautbarung des Leihgeschäfts direkt angekündigt wurde, dass Hummels nach Ende des Leihvertrages wieder zurück an die Säbener Straße wechseln wird, ist davon auszugehen, dass die Bayern den 2009 auslaufenden Vertrag bereits vorzeitig verlängern werden.
Das ist der große Wehrmutstropfen für uns Schwatzgelbe. Hummels wird eine Zeit brauchen, bis er sich in der Bundesliga akklimatisiert hat, so dass man seine endgültige Leistungsstärke wohl erst zum Ende der Saison hin beurteilen kann. Schafft er in Dortmund den Sprung in die Bundesliga, werden die Bayern ihn bereits ein Jahr später gerne zurücknehmen, oder sich einen Wechsel fürstlich bezahlen lassen.
Mit diesem Transfer verschafft sich der BVB in allererster Linie Zeit. Die Baustelle Innenverteidigung wird nicht behoben, aber zumindest kurzfristig zugeschüttet, so dass man (immer vorausgesetzt, Hummels erweist sich als Verstärkung) sich nicht in der traditionellen Hochpreisphase einer Europameisterschaft nach einem Innenverteidiger umschauen muss.
Auf alle Fälle erstmal ein: Herzlich Willkommen, Mats.
Rechter Verteidiger:
Borussia Dortmund in Action. Erst sollte es der kroatische Brasilianer (oder brasilianische Kroate) Etto von Dinamo Zagreb werden. Etto wurde mehrmals (abschließend von Ralf Zumdick) durch den BVB beobachtet und der Wechsel galt als fast sicher. Dann wurde man auf den ehemaligen Stuttgarter Hinkel aufmerksam, der in Sevilla an Alves nicht vorbei kam und ein Dasein als Bankdrücker fristete.
Für ihn, dessen wahre Leistungsstärke man aufgrund seltener Spielpraxis nicht mehr so genau einschätzen konnte, war man bereit tief in die Tasche zu greifen. Zu Beginn der Winterpause hatte der BVB nach eigenen Aussagen ein Transferbudget von „Nullkommanix" bis zu 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Für den Wechsel von Andreas Hinkel war man bereit die kolportierten 2 bis 2,5 Millionen zu zahlen und einen Vorgriff auf die Transferausgaben für die nächste Saison tätigen. Ein Vorgang, bei dem mancher Borusse schon im Gedenken an vergangene Tage Bauchschmerzen bekam. Mit Hinkel persönlich war man sich bereits einig und feilschte mit Sevilla um den letzten Cent Ablösesumme - bis Hinkel sich für das besser dotierte Angebot von Celtic Glasgow entschied und er, mitsamt seinem Berater, von nun an für den BVB nicht mehr zu sprechen war.
Für das unfeine, aber leider auch branchenübliche, Transfergebaren von Hinkel kann man Zorc sicherlich keinen Vorwurf machen. Ob man sich dann aber öffentlich über die Art und Weise des Scheiterns beschweren muss, steht
auf einem anderen Blatt. In früheren Tagen hat der BVB nämlich, beispielsweise beim Wechsel von Sebastian Kehl, durchaus von solchen Gepflogenheiten profitiert.
Hinkel wechselte nun also nach Schottland und auch Etto ist plötzlich aus sportlichen Gründen „durchs Sieb gerutscht". Aus sportlichen Gründen? Erste Transfergerüchte gab es seit November, im Dezember schien der Wechsel konkreter zu werden. Etto stand nach Darstellung mehrerer Zeitungen ganz oben auf Zorcs Einkaufsliste. Bis man dann eben von Etto weg, hin zu Hinkel schwenkte. Ob es denn wirklich sportliche Gründe waren, die den Transfer letztendlich verhindert haben, oder ob Etto der heftige Flirt mit Andreas Hinkel missfallen hat, bleibt ein Geheimnis. Richten soll es nun....
Antonio Rukavina. Der BVB verpflichtete frisch den 23-jährigen Serben vom Klub Partizan Belgrad. Ein Transfer, der wohltuend stillschweigend eingefädelt wurde, so dass selbst die renommierten Tageszeitungen im Vorfeld nichts von diesen Bemühungen wussten. Rukavina ist, trotz seines Alters, bereits Kapitän der Mannschaft gewesen und bringt es auf 7 Länderspieleinsätze. Ein durchaus interessanter Spieler, dessen Verpflichtung wohl auch gleichzeitig den Wechsel von Phillip Degen am Ende der Saison bedeuten wird. Die Ablösesumme soll in ähnlichen Dimensionen wie bei Andreas Hinkel liegen und unter 2,5 Millionen Euro betragen.
Es bleibt abzuwarten, wie man den Finanzbrocken verdauen will. Entweder heißt es, im Sommer mit größerer Zurückhaltung zu agieren, oder eine Lücke vor sich herzuschieben.
Dennoch gilt hier das gleiche, wie bei Mats Hummels: Herzlich Willkommen.
Torwart:
Nach der langfristigen Schulterverletzung vom Roman Weidenfeller sieht sich der BVB zum Handeln gezwungen und plant einen Aufsehen erregenden Transfer mit gewaltig Zündstoffpotential: Jens Lehmann, Bankdrücker in London, soll zurück nach Dortmund geholt werden. Sehen wir mal von seiner Vergangenheit und von im TV bekundeten Sympathien ab, birgt dieser Wechsel immer noch etliche Unwägbarkeiten. Der 38-jährige Lehmann sucht einen
neuen Verein, um die von Jogi Löw geforderte Spielpraxis zu erhalten und seinen Stammplatz im Nationalmannschaftstor für die EM nicht zu gefährden, während man beim BVB Keeper Nummer 2, Marc Ziegler, die Nummer 1 offensichtlich nicht zutraut.
Offen sind noch die Fragen, ob Lehmann aus familiären Gründen London überhaupt verlassen will und ob der Vertrag nur bis Saisonende oder auch für die nächste Saison gilt. Bei einem Vertrag bis zum Saisonende wird wahrscheinlich Ziegler den Verein verlassen, bei einem längeren Engagement wird sich auch Roman Weidenfeller, dessen Verhältnis zu Lehmann in der Vergangenheit nur mit sehr viel Wohlwollen als angespannt zu bezeichnen ist, mit Wechselgedanken tragen.
Dass Lehmann sportlich einfach die bessere Nummer 1 als Ziegler ist, wird von den wenigsten bestritten. Zwar hat Ziegler mit 5 Siegen bei 5 Einsätzen eine mehr als ordentliche Bilanz vorzuweisen, aber wer ihn beim einzigen Spiel, bei dem er wirklich unter Druck geraten ist, in Magdeburg, gesehen hat, wird mehr als leise Zweifel haben, ob es wirklich zum Stammtorwart ausreicht. Andererseits stellt sich die Frage warum die Verantwortlichen, wenn man Ziegler den Status des Stammtorwartes offensichtlich nicht zutraut, ihn überhaupt verpflichtet haben. Natürlich gibt es klare Hierachien und die Nummer 1 ist erst einmal gesetzt, aber grundsätzlich sollte man dem Ersatztorwart zutrauen, ein ernsthafter Konkurrent für den Stammkeeper zu sein und für den Notfall parat zu stehen. Entweder ist ein Spieler bundesligatauglich, oder er ist es nicht. Ein „für ein paar Spiele ja, für eine längere Serie nein", darf es eigentlich nicht geben. Wie auch immer, eine weitere Merkwürdigkeit, die für den mit 31 Jahren noch ambitionierten Ziegler wie ein Schlag ins Gesicht sein dürfte.
Die Variante einen Regional- oder Zweitligatorwart als Nummer 2, um die Amateure im Kampf um die dritte Liga nicht zu schwächen, zu verpflichten und Ziegler dauerhaft ins Tor zu stellen, hat allem Anschein nach nicht zur Debatte gestanden.
Auch Roman Weidenfeller wird nicht gerade vor Freude in die Luft springen, falls Lehmann zum BVB wechseln sollte. Bei einem Vertrag bis zum vermutlichen Karriereende 2009 hieße das erstmal auf längere Sicht einen Platz auf der Bank, für den in Hinrunde arg schwächelnden Keeper. Ein Zustand den der ehrgeizige Weidenfeller nicht akzeptieren wird und vermutlich das Ende der Zusammenarbeit beim BVB bedeuten wird. Aber selbst ein kurzes Engagement Lehmanns wird eventuell nicht ohne Konfliktpotential sein, dazu können sich beide
Spieler zu wenig leiden. Natürlich werden die Berührungspunkte aufgrund von Romans Verletzung zu Anfang gering sein, aber auch das schützt vor offener Antipathie nicht.
Eine Situation, die auch für Lehmann nicht gerade angenehm sein dürfte. Beide Torwarte gegen sich und in der Mannschaft kennen ihn nur noch Dede, Wörns und Kehl aus alten Zeiten. Entsteht ein Konflikt, kann das zur Zerreisprobe für die gesamte Mannschaft werden.
Zudem würde Lehmann keine billige Angelegenheit für den BVB werden. In Zeitungen liest man von einer Millionen Euro Gehalt netto - bis zum Saisonende. Keine schlechte „Notlösung" für einen Verein im grauen Mittelfeld der Liga. Die Borussia steht momentan in der Liga da, wo sie leistungsmäßig hingehört. Auf Platz 10 der Tabelle. 6 Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge, 8 Punkte Rückstand auf den Europacup. Das eine Gesicht der Borussia ist zu stark für den Abstieg, das andere viel zu schwach für den Kampf um Platz 5. Ein Lehmann im Tor hält mich Sicherheit den ein oder anderen Punkt fest, aber die Torwartfrage entscheidet nicht gravierend die weitere sportliche Zukunft des Vereins, dafür sind die Leistungslücken sowohl nach oben, als auch nach unten zu groß.
Mag der Transfer rein leistungsmäßig Sinn machen, stellt sich die Frage, ob der sportliche Erfolg die Risiken, den möglichen Verlust gleich beider etatmäßigen Torwarte und den finanziellen Aufwand dieser Verpflichtung aufwiegt. Der Ball liegt jetzt bei Lehmann, der sich bisher zu keiner Entscheidung durchringen konnte. Der als Ersatzlösung kolportierte Jörg Butt dagegen, soll nicht mehr in der Überlegung sein.
Fazit:
Kann man die Suche nach einem neuen Torwart noch verletzungsbedingt nachvollziehen, ist die Suche nach zwei neuen Verteidigern (Innen und rechts Außen) eher die versuchte Korrektur einer Fehleinschätzung des Kaders im Sommer. Auf der rechten Außenbahn hat Degen nicht nur abermals den lange erwarteten und erhofften Durchbruch nicht geschafft, nach seiner Verletzung steht man auf dieser Bahn ziemlich blank da. Ironie des Schicksals: Gerade die Leistungsstärke von Florian Kringe hat die sportliche Leitung in arge Bedrängnis gebracht. Als Backup für alles und jeden geplant, hat er sich zum unverzichtbaren Spieler auf seiner Lieblingsposition im Mittelfeld gemacht und somit die Pläne der Verantwortlichen über den Haufen geworfen. Auch aus der Not heraus geborene Lösungen mit Akgün, Amedick und Kuba konnten die schon häufig angemerkte Gefahr auf den Außenpositionen nicht beheben.
In der Innenverteidigung hat man bisher bis auf die Kombination Amedick/Brzenska alle möglichen Innenverteidigerpärchen durchprobiert und ist zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis gekommen. Der Mangel des langsamen Spielaufbaus von hinten heraus ist in die neue Saison herüber „gerettet" worden, so dass man sich mit der Ausleihe von Hummels zum Handeln gezwungen sah.
Unterm Strich eine Winterpause, die dem BVB teurer zu stehen kommt als geplant und die Kaderzusammenstellung im Vorfeld der Saison in ein denkbar schlechtes Licht rückt. Die Verträge mit den verantwortlichen Personen sollen dennoch noch in dieser Winterpause verlängert werden. Im Falle Zorcs ist das bereits geschehen.
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