Wieder mal nen Sieg verschenkt…
Was soll man dazu noch großartig sagen? Ein Auswärtsspiel, das in dieser Woche keinen Menschen so wirklich interessierte; ein Ergebnis, das keinen Menschen so wirklich überraschte; eine Niederlage, die keinen Menschen so wirklich schmerzte. Alles in allem ein seltsamer Fußballnachmittag, der sich am Samstag im Hamburger Volkspark abspielte. Und überhaupt: Drei Punkte in der Liga sind ja irgendwie auch völlig überbewertet…
Gehen wir ein paar Tage zurück in der Geschichte. Alles begann mit der Ankündigung, dass Diego Klimowicz, Alexander Frei, Florian Kringe und Sebastian Kehl den beschwerlichen Weg nach Hamburg aufgrund diverser Zipperlein nicht würden antreten können. Thomas Doll würde doch nicht etwa seine Leistungsträger mit halbseidenen Argumenten schonen wollen, um kommenden Dienstag gegen das Kellerkind der zweiten Liga… Puh, den Gedanken wollte man dann doch lieber nicht zu Ende denken. Dabei waren die Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Der HSV hatte unter der Woche in einer kräfteraubenden Partie gegen Bayer Leverkusen das Nachsehen gehabt und schlug nach dem Ausscheiden aus dem UEFA-Cup naturgemäß leisere Töne an – irgendwas musste da doch zu holen sein!
Knapp 6000 Borussen hatten sich aufgemacht, um das wohl beliebteste Auswärtsspiel des Jahres vor Ort verfolgen zu können. Sie erlebten einen freundlichen Empfang, an allen Ecken und Enden der Hansestadt konnten Gruppen Dortmunder und Hamburger Fans gesehen werden – selbst wenn die Zeit der Fanfreundschaft schon lange vorbei sein mag, suchten beide Seiten einen lockeren Umgang miteinander und verzichteten weitestgehend auf unnötige Provokationen. Dass besonders die unsäglichen „BVB Hurensöhne“ und „HIV“ Gesänge deutlich in ihrer Masse abgenommen haben, lässt zudem die Hoffnung keimen, dass es sich in der Vorsaison um einen bösen Ausrutscher handelte und sich in beiden Fanlagern die intelligenteren Fans durchgesetzt zu haben scheinen. Trotz kleinerer Sticheleien, die zum Fußball notwendigerweise dazu gehören und auf gar keinen Fall fehlen dürfen, blieb es also bei der entspannten Atmosphäre bei bestem Fußballwetter.
Ähnlich wie sein natürlicher Konkurrent unter der Woche, trat der Ballspielverein die Partie mit einer nominellen B-Elf an. Mit Roman Weidenfeller und den bereits genannten „krankheitsbedingten Ausfällen“ fehlten gleich fünf arrivierte Stammkräfte – für sie in die Startelf gerutscht waren der Pokalheld Marc Ziegler, Mats Hummels und Delron Buckley.
Das Spiel begann recht flott. Rafael van der Vaart setzte in der 3. Spielminute eine erste Duftmarke, als er Ziegler bei einem Freistoß aus rund 28 Metern zu einer Glanzparade zwang. Nur drei Minuten später folgte die nächste Glanztat unseres Keepers, als Mladen Petric den Ball im gegnerischen Strafraum verloren und Piotr Trochowski einen sehenswerten Alleingang mit einem fulminanten Schuss in den rechten oberen Winkel abgeschlossen hatte. Wiederum nur drei Minuten später gab es das erste Lebenszeichen Hummels zu sehen – ein schöner Ballgewinn in der eigenen Hälfte führte zu einem Konter, Petrics Flanke in den Strafraum konnte von Timothy Atouba nur in Form einer Slapstickeinlage geklärt werden. Kein Wunder also, dass sich unser Mann für geniale Tore aus dem Nichts, Giovanni Federico, ein Herz fasste und mal ebenso aus 30 Metern drauf hielt – leider flog der Ball ein wenig übers Tor, doch hatte Federico gegen Hoffenheim ja ähnlich begonnen…
Die Anfangsphase lebte besonders von Stellungsfehlern beider Abwehrreihen, die ihre Gegenspieler zumeist nicht ausreichend deckten. Freie Räume von mehreren Metern ermöglichten immer wieder schnelle Konter beider Seiten, nur der kleinliche und heute alles andere als souveräne Schiedsrichter Knut Kircher unterbrach den Spielfluss regelmäßig bei noch so lächerlichen Körperkontakten. Wieder einmal wurde somit eine Basis für unverschämt schlechte Schwalben und fallsüchtige C-Schauspieler geschaffen, auf die man lieber verzichtet hätte – wollte man ursprünglich nicht gerade dagegen vorgehen?
Nachdem zuletzt besonders Hoffenheim und Bremen für ihre miserable Standfestigkeit gerügt wurden, sind diesmal die Borussen dran. In der 12. Minute hatte Petric Delron Buckley mustergültig an der Strafraumgrenze freigespielt, der stolperte jedoch über seine Füße und vertraute auf den kooperativen Schiedsrichter, anstatt es einfach mal zu versuchen. So gab es einen unverdienten Freistoß für Petric, den Frank Rost im Tor der Hamburger gut parierte. In der Dortmunder Abwehr häuften sich fortan die Stellungsfehler. Während das Kurzpassspiel seit Urzeiten endlich mal wieder funktionierte – Pässe quer über das Spielfeld landeten beinahe immer beim Gegner, da simples Entgegenlaufen mannschaftsintern wohl eine Kiste Bier kostet –, wusste die nachlässige Deckung der Hamburger Offensivkräfte den ein oder anderen Fluch zu entlocken.
Ein typisches Beispiel in der 17. Minute, als ein Hamburger Angriff glücklich geklärt werden konnte und der Raum einfach nicht eng gemacht wurde: David Jarolim schnappte sich den Ball, lief ein bisschen durch die Gegend und knallte das Ding aus der Drehung mit einem ordentlichen Wumms an den linken Pfosten. Wurde man hier noch sauer, hätte man nur zwei Minuten später in wütende Raserei ausbrechen können. Tingas Torschuss auf Rost wurde gehalten und der Ball mit einem weiten Abschlag auf van der Vaart weitergeleitet. Die komplette Dortmunder Abwehr war ausgehebelt, nur der rund zehn Meter entfernt stehende Christian Wörns konnte noch mal eben ins Luftloch grätschen – plötzlich stand der geniale Hamburger Spielmacher alleine vor Zieglers Kasten und hätte nur noch einschieben müssen. Ziegler hatte den Braten jedoch gerochen und vereitelte die größte Hamburger Chance mit einem klasse Reflex.
Die Partie verflachte nun zusehends und wurde arm an Höhepunkten. Der Heimmannschaft waren die 90 Minuten gegen Leverkusen deutlich anzumerken, Borussia wirkte geistig einfach nicht so richtig anwesend. Seltsamerweise spielten die Sorgenkinder der Vergangenheit Buckley und Nelson Valdez einen ordentlichen Ball, waren Langzeitprobleme wie hohe Fehlpassquoten kaum und Koordinationsansätze in der Defensivbewegung recht häufig zu erkennen – warum ausgerechnet das endlich mal klappte, wo doch offensichtlich keiner mit dem Kopf dabei zu sein schien, gab das eine oder andere Rätsel auf.
Wenigstens konnte man sich darauf verlassen, dass einer unserer Spieler – diesmal Martin Amedick – bei einem kleinlichen Schiedsrichter etwas unbeholfen an den Gegenspieler herantreten würde. Van der Vaart nahm die Einladung gerne an und weinte gar fürchterlich, Kircher tröstete ihn mit einem Freistoß, Trochowski zimmerte den Ball mustergültig an den rechten Pfosten, Paolo Guerrero ließ sich beim Zweitversuch dann zur Abwechslung mal wieder fallen. Argh!
In der 38. Minute eine weitere Großchance für den HSV, wieder einmal per Standard. Doch was will ein van der Vaart schon anrichten, wenn man einen Ziegler im Tor stehen hat? Ein bis auf den letzten Millimeter passender Freistoß unter die Latte hätte das Führungstor sein müssen – irgendwie konnte der Teufelskerl in unserem Tor aber doch noch seine Hand dazwischen bekommen und das Leder gerade so über den Querbalken fummeln. Möge sich hier jeder den Superlativ denken, den er für den richtigen hält.
Neben Ziegler verdiente sich in der ersten Halbzeit besonders Tinga die Bestnote. Als einziger Borusse war er dazu bereit, unangenehme Wege zu gehen und die Rückwärtsbewegung anzutreten. Ballverluste in der Offensive wurden nicht etwa von den Offensivkräften wieder gerade gebogen oder von der Abwehr geklärt, sondern meist von eben jenem Tinga, der immer wieder quer über den Platz rannte und sich wie ein Berserker in den Ball warf. Zudem wusste Hummels zu gefallen, der abgesehen von einer Hand voll Stellungsfehlern ein gutes Spiel machte. Ihm waren besonders schnelle Spieleröffnungen zu verdanken, die das Offensivspiel spürbar belebten.
Was die Stimmung angeht, war das auf beiden Seiten eher eine maue Nummer. Der Gästeblock glänzte zwar mit einer netten Choreografie, gesanglich kam aber überhaupt nichts an – die Hamburger waren nur dann laut, wenn Cottbus mal wieder ein Tor geschossen hatte. Der Stimmungspreis der ersten Halbzeit geht also ganz klar an den kleinen Hamburger Stimmungsblock unter dem Dach – dort ging hinter dem Chosen Few Banner eine ganze Menge ab. Zu hören war zwar aufgrund der großen Entfernung nix, insgesamt sah das aber wenigstens gut aus.
Nach der Pause sollten sich die Verhältnisse dann komplett ändern. Borussia konnte sich glücklich schätzen nicht bereits mit drei Gegentoren hinten zu liegen, drehte nun aber so richtig auf. Der HSV hatte beste Chancen vergeben, legte jetzt aber den Schongang ein. Der Gästeblock explodierte plötzlich und lieferte eine Wahnsinnsleistung ab, von eben auf jetzt konnte man auch die Hamburger Fans hören – irgendeiner muss da wohl den richtigen Schalter gefunden haben.
Nelson Valdez schön herausgespielter Torschuss in der 53. Minute hätte bereits das Tor für den BVB sein können, Tingas Kopfball eine Minute später das Tor sein müssen. Dede hatte die Hamburger Abwehr mit einer butterweichen Flanke in die Strafraummitte ausgehebelt, Tinga stand goldrichtig und köpfte den Ball aufs Tor. Leider war Frank Rost zur Stelle und konnte den Ball gerade noch auf der Linie fest halten. Fünf Minuten später war es wieder einmal Tinga, der die Lücke sah und Petric wunderschön anspielte. Der hatte die Auswahl aus zwei mitgelaufenen Mannschaftskameraden, wurde aber nicht angegriffen und versuchte es aus 25 Metern einfach mal selbst – leider knapp rechts vorbei. Direkt anschließend die nächste Großchance: Eine weite Flanke Federicos landete im Strafraum, Tinga sah den Freiraum und schmiss sich wie ein Bekloppter in den Ball. Leider ging der wuchtige Kopfball knapp am Tor vorbei – für diesen Rieseneinsatz hätte man Tinga heute wirklich ein Erfolgserlebnis gegönnt.
Gleiches gilt für Dede, der in der Halbzeitpause endlich aufgewacht war. Einen Angriff des HSV hatte er im eigenen Strafraum fair geklärt, war dabei jedoch ins Straucheln geraten – ein harter Sturz auf die linke Hand ließ zunächst Schlimmstes befürchten, doch konnte Dede mit einem komplett bandagierten Arm weiterspielen. Endlich war mal Schluss mit dem unsäglichen Tuntenballett, nun war Feuer im Spiel!
Der HSV hatte das Spiel bereits verloren gegeben, die Erschöpfung war jedem Spieler anzumerken. Keiner wollte mehr die Offensive suchen, nur noch gelegentliche Konter prägten das Bild. So ging es für Borussia wieder einmal in Richtung Hamburger Tor, wieder einmal wurde der Ball fahrlässig verloren und einer der wenigen Konter ermöglicht. Jerome Boateng ließ Federico stehen, Ivica Olic spielte einen harten Pass in den Dortmunder Strafraum, der von Hummels sträflich vernachlässigte Guerrero hielt den Schlappen hin und erzielte unhaltbar das 1:0 für den HSV.
Halb so wild, hier ging immer noch eine ganze Menge. Doch nur wenige Augenblicke später – der HSV bemühte sich um kräfteschonende Ergebnisverwaltung – wechselte Thomas Doll mit Sahr Senesie und Christopher Nöthe zwei Amateure für Federico und Valdez ein.
Was um Himmels Willen hat sich Doll dabei gedacht? Ein Spiel steht auf der Kippe, das man mit ein bisschen Einsatz noch immer hätte gewinnen oder zumindest ausgleichen können. Fünf Spieler sind zuhause geblieben, nun werden zwei weitere Spieler für den Pokal geschont. Man konnte nur den Kopf schütteln – zum einen über die offenbar herrschende Angst vor einem Zweitligaschlusslicht, zum anderen über die „Alles oder Nichts“-Karte DFB-Pokal. Dass sich Doll mit diesen Auswechslungen einen Bärendienst erwies, hätte er sich allerdings denken können – die Verletzungsgeschichten glaubt ihm bei solchen Wechseln kein Mensch mehr. Tatsächlich waren die Wechsel kontraproduktiv: der Druck, sich gegen Jena nur blamieren zu können, wird durch eine Schonung diverser Spitzenkräfte in der Bundesliga sicherlich nicht kleiner werden. Schlimmer noch: Wird Jena in Bestbesetzung nicht mit einigen Toren Vorsprung nach Hause geschickt, hat man gleich die nächste Sinnlosdiskussion ins Haus stehen.
Das Signal war jedenfalls eindeutig: Borussia Dortmund strich die Segel gegen einen körperlich hoffnungslos unterlegenen Gegner, um für das Pokalspiel gegen den Tabellensiebzehnten der zweiten Bundesliga gewappnet zu sein – wer noch immer davon träumt, am Ende der Saison einen einstelligen Tabellenplatz belegen zu wollen, sollte sich aus Gründen der Pokalräson am besten schon bald von diesen Hoffnungen verabschieden…
Der HSV war nun plötzlich wieder im Spiel angekommen und nahm das Geschenk natürlich dankend an. Viel wurde nicht mehr in die Partie investiert, die Räume aber eng gemacht und immer wieder auf Konter gelauert. Senesie und Nöthe bemühten sich nach Leibeskräften, konnten dem Spiel aber kaum Impulse geben oder die gerissenen Lücken schließen. Dafür gab es noch zwei strittige Szenen, die die Gemüter noch ein wenig erhitzen sollten.
Die erste war ein rüdes Foul Miso Breckos an Dede in der 81. Minute. Ohne große Not rauschte Brecko an und senste Dede schräg von hinten kommend um – wer keine Chance hat, den Ball zu erreichen und mit Stollen voraus in das Wadenbein seines Gegenspielers rutscht, hätte mehr als nur die gelbe Karte verdient gehabt. Den zweiten Aufreger bildete eine Großchance Nöthes an der Strafraumkante – während man auf den ersten Blick den Eindruck hatte, dass der Ball einfach nur versprungen war, konnte man in einer Kameraeinstellung den wahren Grund für das Versagen erkennen: ein Hamburger hatte als letzter Mann an Nöthe vorbei gegriffen und den Ball bereits im Strafraum mit der Hand vor Nöthes Brust weggeschlagen. Mist.
Der BVB war nun komplett abgemeldet. Die letzten Minuten passierte gar nichts mehr, dafür suchte der HSV noch einmal den Weg nach vorne zum 2:0. Letzten Endes hatte aber auch der HSV keine besonders großen Ambitionen mehr und sehnte sich den Schlusspfiff herbei. Es blieb beim 1:0, das über die gesamte Partie gesehen in Ordnung ging, angesichts der Hamburger Erschöpfung und drückenden Überlegenheit Borussias zu Beginn der zweiten Halbzeit aber einfach nur enttäuschend war.
Wenigstens betonte Doll im Anschluss an das Spiel, dass die Vorbereitungen für Dienstag jetzt sofort beginnen könnten, während auch die Spieler kaum was anderes als das Pokalhalbfinale erwähnen wollten. Doll entschied sich für eine hoch riskante Strategie – er setzte alles auf den DFB-Pokal und verzichtete dafür auf wichtige Punkte in der Liga. Ob er sich und seinen Spielern damit einen großen Gefallen tun konnte, werden wir am Dienstagabend sehen. Hoffen wir das Beste!
Die Aufstellungen
Hamburger SV
F. Rost - J. Boateng, B. Reinhardt, Mathijsen, Atouba - Jarolim, de Jong - Demel, Trochowski - van der Vaart - Guerrero
Borussia Dortmund
Marc Ziegler - Rukavina, Amedick, Wörns, Dede - Hummels - Valdez, Federico, Tinga, Buckley - Petric
Wechsel
Olic für Atouba (56.)
Kompany für Jarolim (61.)
Nöthe für Valdez (70.)
Senesie für Federico (71.)
Brecko für Trochowski (80.)
Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg)
Tor: Guerrero (61. Minute)
Zuschauer: 57.000 (ausverkauft), 6.000 Dortmunder
Statistik
Torschüsse: 26:14
Ecken: 6:3
Flanken: 19:16
Ballkontakte (in Prozent): 51:49
Gewonnene Zweikämpfe (in Prozent): 52:48
Fouls: 19:14
Abseitsstellungen: 3:1
Die meisten Torschüsse:
Van der Vaart (8), Petric (4)
Die meiste Torschussvorlagen:
Van der Vaart (8), Buckley (5)
Die meisten Ballkontakte:
Boateng (69), Buckley (83)
Die Zweikampfstärksten:
Atouba (75%), Wörns (67%)
Die Stimmen zum Spiel in Hamburg findet Ihr hier.
Knüppler17, 16.03.2008
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