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Spielbericht Profis - 19.02.2016

57 Minuten der Glückseligkeit - 90 bis zum Achtelfinale - Borussia Dortmund gewinnt gegen den FC Porto

Tolle Choreografie von THE UNITY zum Einlaufen der Spieler auf der SüdtribüneDer Name? Champions League. Der Wettbewerb? Europa League. Klingt erst einmal ernüchternd, doch Europapokal bleibt nun mal Europapokal. Mit dem Gegner FC Porto kam ein großer europäischer Name ins Westfalenstadion, um die bevorstehenden, anstrengenden englischen Wochen einzuläuten. Angereist mit vielen personellen Fragezeichen und vor allem Problemen in der Defensive, warnte Thomas Tuchel wiederholt davor, den Gegner trotzdem keinesfalls zu unterschätzen und schnellstmöglich die für das Spiel und den Wettbewerb nötige Haltung zu finden. Die Hoffnung auf einen großartigen Abend auf europäischer Bühne war nichtsdestotrotz allgegenwärtig. Denn schon vor Anpfiff zog ein Hauch von Champions League durchs Westfalenstadion. „Das Album vollenden - ihr habt’s in euren Händen!“. Das Motto für die verbleibenden Spiele des Wettbewerbs wurde von der Süd bei der mehr als eindrucksvollen Choreo schon früh vorgegeben. Der letzte fehlende Pokal in der Trophäenvitrine des BVB soll dieses Jahr her. Und alles war dafür angerichtet. 

Taktik & Personal

Nuri gab sein Comeback in der StartelfSpätestens seit der Verkündung der Aufstellungen wusste man, dass Trainer Thomas Tuchel immer für eine Überraschung gut ist. Nuri Sahin in der Startaufstellung: damit hatte niemand gerechnet. Nach 355 Tagen der Leidenszeit durfte der defensive 6er anstelle des erkrankten Ilkay Gündogan neben Julian Weigl im Mittelfeld mal wieder die Fäden ziehen. Der Abwehrverbund setzte sich wenig überraschend aus Schmelzer, Hummels, Sokratis und Piszczek zusammen. Im Tor stand für den grippeerkrankten Roman Weidenfeller der andere Roman, Bürki. Den offensiven Part in der bewährten 4-3-3—Ordnung übernahmen Kagawa, Mkhitaryan, Reus und der wiedergenesene Aubameyang.

Erste Hälfte

Nach der ersten Torannäherung Portos durch eine ergebnislose Ecke, gab es in Minute vier den ersten Aufreger auf Seiten der Borussia: Hummels trieb den Ball durchs Mittelfeld und schickte den einlaufenden Schmelzer mit einem Traumpass in die Gasse Richtung Strafraum. Die scharfe Hereingabe konnte gerade so zur Ecke geklärt werden. Anschließend zeigte sich Nuri das erste Mal offensiv mit einem ungefährlichen Schuss von der 16er - Kante. Von Beginn an war der BVB um Dominanz bemüht, und in der 7. Minute klingelte es dann auch zum ersten Mal: nach einer clever ausgespielten Ecke kam Pisczcek nach Flanke von Mkhitaryan frei zum Schuss, den Altmeister Casillas noch parieren konnte. Im Nachsetzen drückte der Pole den Ball dann per Kopf zur umjubelten Führung über die Linie.

Die frühe Führung gab direkt SicherheitIn der Folge war Porto darum bemüht nicht schnell die Kontrolle über das Spiel zu verlieren. Jungstar Ruben Neves war sichtlich bemüht, die Partie auf Seiten der Portugiesen an sich zu reißen, was dem erst 18 - jährigen aber mehr schlecht als recht gelang. Kurzzeitig tauschte Trainer Peseiro die Positionen von Kapitän Herrera und Brahimi. Dies aber scheinbar mit eher mäßigem Erfolg, denn wenige Minuten später machten die Portugiesen die Umstellung wieder rückgängig. Auf Seiten der Borussia merkte man vor allem Comebacker Nuri die Spielfreude an. Selbstbewusst und immer wieder stark im Zweikampf zeigte sich der Rückkehrer in dieser Phase. Der BVB verwaltete das Spiel und bis Minute 28 gab es genau zwei Highlights: einen feinen Beinschuss von Neves gegen Reus, und das Laufduell von Aubameyang gegen Verteidiger Martins Indi, der überraschend gut mitzog. Scheinbar angetrieben vom Wiedersehen mit seinem Europapokal - Glücksbringer Iker Casillas, zog es vor allem Marcel Schmelzer immer wieder in die Offensive. Sein strammer Schuss traf allerdings nur das Außennetz. Wirklich gefährlich war der BVB in dieser Phase des Spiels nicht, denn Porto wirkte sicherer in der Defensive und war vor allem zunehmend aggressiver in den Zweikämpfen. Folgerichtig kamen die Portugiesen in Minute 34 durch Oliveira zum ersten richtigen Torschuss. Dortmund überließ Ball und Spiel zunehmend dem Gegner und das motivierte die portugiesischen Anhänger, sich erstmals lautstark bemerkbar zu machen und der Süd Paroli zu bieten.

Zweite Hälfte

Kämpferisch sehr stark: Marcel SchmelzerUnverändert kamen die beiden Mannschaften zur zweiten Halbzeit aus der Kabine. Teil 1 des Duells zwischen Varela und Reus in Halbzeit zwei gab es in der 51. Minute: Reus legt den Ball am Portugiesen vorbei in den Strafraum und prallt am Abwehrmann ab. Viel Aufregung um eine richtige Schiedsrichterentscheidung: kein Elfmeter. Zu Anfang des zweiten Abschnitts überlässt der BVB den Portugiesen erneut den Ball, und angetrieben von Hector Herrera ist der CL - Absteiger bemüht, offensiv ins Spiel zu kommen. In Minute 57 erhebt sich dann das gesamte Stadion. Der erste Arbeitstag auf dem Feld nach elend langer Zeit ist für Nuri Sahin beendet. Unter tosendem Applaus verlässt der Dortmunder Junge mit einem breiten Grinsen, aber scheinbar auch leichten Leistenschmerzen für Mo Leitner das Feld. Auf den Glücksmoment folgt dann der Moment eines kollektiven schwarz - gelben Deja - Vu’s der Marke Horror. Abwehrmann Varela steigt völlig unnötig und übermotiviert auf den ohnehin schon instabilen Knöchel von Marco Reus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht bleibt der Offensivmann liegen, die Zuschauer reagieren mit einer Mischung aus Angst und Wut. Nach kurzer Behandlung steht Reus zwar wieder und läuft den Schmerz augenscheinlich wieder raus. Über eine Rote Karte hätte sich der Portugiese in dieser Situation aber keinesfalls beschweren dürfen.

Marco Reus mit der VorentscheidungNach der Schrecksekunde bietet das Spiel im weiteren Verlauf wenig Glanzmomente. Porto kann man durchaus attestieren: stets bemüht, aber zu unpräzise im letzten Spieldrittel. In Minute 64 gibts dann ein wenig Slapstick seitens der Borussia: Reus schießt im Fallen quer durch den Strafraum, Kagawa bugsiert den Ball dann vor dem Tor liegend links vorbei. Knappe sieben Minuten später setzt der BVB dann verdient einen drauf: Kagawa behauptet den Ball stark an der Strafraumgrenze, legt rechts raus auf Mkhitaryan, der wiederum mit viel Übersicht in den Rückraum zum besser postierten Reus ablegt. Der abgefälschte Schuss schlägt für Casillas unhaltbar rechts unten im Tor ein.

Trotz der recht komfortablen Führung schien Trainer Thomas Tuchel trotzdem nicht vollends zufrieden und pochte sichtlich darauf das dritte Tor zu erzwingen. Pulisic und Ginter sollten ins Spiel kommen, mussten aber über fünf Minuten an der Seitenlinie warten und sahen zwei weitere gute Chancen der Borussia: Kagawa zögerte relativ frei zu lange im Strafraum und rutschte bei seinem Schuss unglücklich aus. Mkhitaryan setzte danach aus vollem Lauf einen Kopfball an den linken Pfosten. Wer sich in diesem Moment fragt wo eigentlich Pierre - Emerick Aubameyang ist: tatsächlich auf dem Feld. Ein absolut gebrauchter Tag für den Topstürmer. Bezeichnend dafür waren zwei Ein gebrauchter Tag für PEA17Situationen in der Schlussphase des Spiels: einen von Mkhitaryan mit dem Außenrist gespielten Steilpass vertändelt der Gabuner in guter Position kurz vor dem Strafraum. Dasselbe dann in Minute 89. Auf schlampige Ballannahme folgte der prompte Ballverlust. Das einzig positive Zeichen: der BVB kann auch zum wiederholten Male ohne die Tore von Auba gewinnen. Kurz vor Schluss hat der FC Porto noch die letzte Chance, doch der eingewechselte Koreaner Suk zielte im Fallen zu zentral auf Schlussmann Bürki.

Zwar präsentierte sich der mitgereiste portugiesische Anhang an diesem Abend durchaus stimmungsvoll und lautstark, und teilt sich wohl mit den Griechen aus Saloniki den Titel der bis jetzt besten Auswärtsfans der aktuellen Europapokalsaison. Vor allem optisch machten die Blau - Weißen (!) auf der Tribüne einen überaus ordentlichen Eindruck. So blieb abseits des Spiels jedoch nichtsdestotrotz ein deutlich negativer Beigeschmack: das wiederholte Zünden von Böllern im Block der Porto - Anhänger ließ das Stadion mehrfach zusammenzucken. Obwohl das noch vor ein paar Monaten überaus hochgekochte Thema der verstärkten Sicherheitsvorkehrungen rund um Großveranstaltungen allgegenwärtig war, stimmt dieser Aspekt zugegebenermaßen wieder ein wenig nachdenklich. Wenn auch nur vorsichtig. Denn im Vordergrund standen heute dann doch andere Dinge.  

Fazit

Ein letztlich verdienter, reifer und ungefährdeter Sieg der BorussiaEin letztlich verdienter, reifer und ungefährdeter Sieg der Borussia gegen schwache und ungefährliche Portugiesen, der bei konsequenter Chancenverwertung auch höher hätte ausfallen können. Bei aller Zufriedenheit über ein Hinspiel im Europapokal ohne Gegentor, überwog hauptsächlich die Freude über das langersehnte und überraschende Comeback des Langzeitverletzten Mittelfeldstrategen Nuri Sahin. Porto hingegen enttäuschte und blieb vor allem in der Offensive weit hinter den Erwartungen zurück. Weder der schnelle Algerier Brahimi, noch Sturmtank Aboubakar konnten dem Spiel der Portugiesen gefährliche Impulse verleihen. Somit kann der BVB dem Rückspiel in Porto nächste Woche Donnerstag relativ entspannt entgegenblicken, jedoch ohne die nötige Spannung zu verlieren.

Statistik

BVB: Bürki - Piszczek, Hummels, Sokratis, Schmelzer - Weigl, Sahin (Leitner 58.) - Mkhitaryan, Kagawa (Ginter 86.), Reus (Pulisic 86.) - Aubameyang

Porto: Casillas - Varela, Layun, Martins Indi, Jose Angel - Neves - Herrera, Oliveira (Evandro 76.) - Brahimi (Andre Andre 59.), Aboubakar (Suk 87.), Die Welle der Sieger vor der SüdtribüneMarega

Schiedsrichter: Luca Banti
Assistenten: Lorenzo Manganelli, Alessandro Giallatini
Torrichter: Marco Guida, Andrea Gervasoni
Vierter Offizieller: Andrea Padovan

Tore: 1:0 Piszczek (6.), 2:0 Reus (71.)

Zuschauer: 65.851 (ausverkauft)
Karten:
Varela, Evandro, Suk
Torschüsse: 7:1
Ecken: 3:2
Ballbesitz: 63:37

Stimmen zum Spiel

Thomas Tuchel (zu Nuri Sahin): „Nuri war super. Wir konnten ihn nicht mehr zurückhalten. Er brennt seit Wochen darauf zu spielen. Wir haben ihm „Nuri war super. Wir konnten ihn nicht mehr zurückhalten."heute das Vertrauen geschenkt und ich bin sehr glücklich dass das heute so geklappt hat. Das ist eine große Leistung sich nach einer so langen Pause auf den Platz zu stellen und so fantastisch zu spielen.“

… zum Rückspiel in Porto: „Es ist Halbzeit. Mit beiden Pereiras kommt Qualität zurück. Ich erwarte das beste Porto zuhause vor emotionalen Zuschauern. Ich erwarte, dass wir noch mal die gleiche Topleistung benötigen um das Weiterkommen zu sichern. Darauf werden wir uns gut vorbereiten und werden unsere beste Leistung brauchen“.

19.02.2016, Boris Davidovski


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