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Spielbericht Profis - 10.04.2016

Zwei Seelen in meiner Brust

Optisch mau - Stimmung mauZwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen; Die eine hält, in Derby Siegeslust, sich an die Meisterschaft mit klammenden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Staub zu den Gefilden europäischer Helden. Nach der gefühlten 2:2 Derbyniederlage kann man die Meisterschaft endgültig ad acta legen und nur noch darauf hoffen, dass die Entscheidung, sich auf die beiden Wettbewerbe Euro-League und DFB-Pokal zu konzentrieren, die richtige war.

So ganz ohne Scharmützel und Ultras darf ein Derby halt einfach nicht ablaufen, dachten sich wohl knapp 200 Angehörige unterschiedlicher Dortmunder Ultragruppierungen, die sich bereits am frühen Morgen in der Glückaufkampfbahn versammelten.  Wie es sich für eine Auswärtstour gehört, waren sie, unbemerkt von der Polizei, zunächst mit Bussen angereist. Nach Eintreffen der Polizei zeigte sich der schwatzgelbe Anhang kooperativ und folgte friedlich den polizeilichen Anweisungen. Die Gelsenkirchener Polizei begleitete die „lustige“  Reisetruppe zurück nach Dortmund. Ansonsten verlief die übrige „Vorspielphase“ ohne weitere Zwischenfälle. Auch die Anreise der übrigen Schwatzgelben verlief absolut störungsfrei, auch dank der vielen kostenlosen Shuttle-Busse der Fanabteilung.

Eine B-Elf im Derby?!

Auftritt der Nordkurve GENach den letzten Auftritten der Dortmunder und den eher mäßigen Leistungen der Blauen ging so manch ein BVB-Fan mit großen Erwartungen in das Derby. Natürlich konnte man davon ausgehen, dass der ein oder andere BVB-Star für das K.O.-Spiel am Donnerstag geschont wird. Dass aber bereits vor dem Spiel die ersten Glückwünsche an alle Blau-Weißen-Freunde im Bekanntenkreis verschickt wurden, lag an der doch sehr überraschenden Aufstellung des BVB. Trainer Tuchel rotierte fast die ganze Mannschaft. So bildeten Kagawa, Pulisic und Ramos den Sturm des BVB. Hatte sich so manch ein BVB-Anhänger schon ausgemalt, wie Mkhitaryan, Reus und Aubameyang die Gastgeber in ihre Einzelteile zerlegen, folgte die Ernüchterung. Auch im Mittelfeld gab es die eine oder andere Überraschung. Sahin, Bender und Leitner sollten dort die Fäden ziehen. Lediglich in der Abwehr wurde nur auf einer Position rotiert. Durm rückte für Schmelzer in die Startelf. Eine B-Elf für das Revierderby?! Die Entscheidung Tuchels, die Prioritäten auf die beiden anderen Wettbewerbe zu legen, schien gefallen. Aber unabhängig davon, dass man den Bayern die Meisterschaft kampflos überlies, geht es bei dem Derby immer noch um viel Prestige, ganz besonders für die Anhänger. Für viele Fans ist es das wichtigste Spiel des Jahres. Darf man ein solches Spiel zu Gunsten einer möglichen Christian Pulisic machte sein zweites Spiel von Beginn anHalbfinalteilnahme im Europapokal opfern? Zumindest für Tuchel scheinen sämtliche Aspekte der Rivalität in diesem Zusammenhang keine Rolle zu spielen. Immerhin könnte man die Aufstellung des BVB gegenüber den Blauen auch als eine geringe Wertschätzung interpretieren, welches wohl die „angenehmste“ Rechtfertigung für die Aufstellung ist. Immerhin war das Spiel für die Gastgeber aus sportlicher Sicht von hoher Bedeutung. Mit einem Derbysieg hätten die Blauen einen großen Sprung in Richtung Champions-League-Plätze gemacht.

„Wenn ich eine Entscheidung treffen muss, möchte ich in der Europa League weiterkommen.” (Thomas Tuchel auf Sky vor dem Derby)

Der Druck lag bei den Gastgebern, erst recht nach der Niederlage beim Aufsteiger aus Ingolstadt. Bereits zum Warmlaufen wurden die Spieler mit einem großen Banner und einer klaren Ansage: “Spieler in unseren Farben laufen, grätschen, sprinten bis zum Umfallen!” begrüßt. Ansonsten setzten beide Fangruppen kaum Akzente- optisch wie akustisch. Auf Seiten der Dortmunder machte sich das Fehlen der Ultras dahingehend bemerkbar, dass nur wenig Material an Fahnen und Doppelhaltern im Block zu sehen war. Auch wenn der Gästeblock sich Adrian Ramos durfte erstmals 90 Minuten durchspielenregelmäßig Auszeiten bezüglich der gesangstechnischen Unterstützung nahm, war die Unterstützung eines Derbys insgesamt angemessen. Die Plätze, die aus Sicherheitsgründen frei geblieben sind, hätte man ohne Bedenken besetzen können.


„Ich will nicht“ gegen „ich kann nicht“

Die erste richtig gute Chance des Spiels hatte der BVB. Pulisic überlief in der 23. Minute auf der rechten Seite Roman Neustädter, visierte die freie lange Ecke an, verfehlte aber das Ziel nur knapp. Bis dahin baute der BVB mehr und mehr Druck auf und übernahm das Zepter in der Halle. Entweder schmollten die Blauen in der ersten halben Stunde noch beleidigt bezüglich der Aufstellung Tuchels, oder aber sie hatten noch das Ingolstadt-Trauma zu verarbeiten. Zumindest lief nicht viel bei ihnen zusammen. In Führung wären trotzdem beinahe die Schalker gegangen. In der 33 Minute klatschte ein Schuss von Sané aus 20 Metern gegen den Außenpfosten. Sieben Minuten später war es Junior Caicara der Erik Durm davon sprintete und zum Glück für den BVB am zweiten Pfosten vorbei schoss. Mehr Highlights gab es in der ersten Halbzeit nicht, in einem Spiel in dem „ich will nicht“ gegen „ich kann nicht“ angetreten ist. Die Dortmunder hatten im Sparmodus keine Probleme, die Kontrolle über das Kagawa schoss den BVB in FührungSpielgeschehen zu behalten, weil die Gastgeber jegliche Sicherheit vermissen ließen. Stockfehler und Ungenauigkeiten im Passspiel verhinderten, dass der BVB in die Bredouille kam.

Eine Halbzeit voller Derby

Drei Minuten nach der Pause zeigte Kagawa, dass er das Tore schießen nicht verlernt hat. Der Japaner passte auf Leitner, der ihn per Hackentrick zurückbediente - anschließend schlenzte Kagawa den Ball gefühlvoll ins Netz. Ein Traumtor. Dortmund führte mit der B-Elf und auf einmal machte alles einen Sinn- hatte Tuchel doch alles richtig gemacht? Die Freude sollte allerdings nicht lange anhalten. Drei Minuten später hielt Caicara von rechts entschlossen „drauf“, Bürki wehrte den Ball nach vorne ab, dankend nahm Sané das Geschenk an und drosch den Ball zum 1:1 ins Netz. Das Spiel nahm an Fahrt auf. Dortmund war weiter dominierend, allerdings konnten die Gastgeber immer wieder gefährliche Konter setzen. Die erneute Führung des BVB (56. Minute) nach einem Freistoß und einem Kopfball von Ginter war nicht unverdient, wenn auch zu diesem Zeitpunkt überraschend.

Matthias Ginter stellte den alten Abstand wieder herAber auch davon ließen sich die Blauen leider nicht unterkriegen. In der 65. Minute senste BVB-Verteidiger Sokratis den Oldie Huntelaar im Strafraum um. Der Gefoulte übernahm die Aufgabe höchstpersönlich und schob zum 2:2 ein. Dass der BVB zwischenzeitlich aufgrund einer Verletzung von Ginter für einige Minuten in Unterzahl spielen musste, wirkte sich auf das Spiel kaum aus.

Überhaupt zeigten in diesem Spiel alleine die Blauen eine gewisse „Derby-Härte“. Mitte der ersten Hälfte rammte Huntelaar Ginter beim Kopfballduell absichtlich den Ellenbogen in die Brust. Eine klare rote Karte, für den Spieler der am Ende den Elfmeter zugestanden bekam und im Sinne des Fairplay-Gedanken eine rote Karte für Sokratis forderte. Später grätschte Pierre-Emile Højbjerg Mkhitaryan an der Mittellinie die Beine weg (71. Minute). Auch hier hätte man ohne Weiteres eine rote Karte zeigen können.

Am Ende schienen beide Mannschaften mit dem 2:2 gut leben zu können. Zwar hatten auf Seiten der Dortmunder Kagawa und der eingewechselte Aubameyang noch zwei 100% Chancen. Dennoch hätten fast die Blauen durch den eingewechselten Meyer kurz vor Schluss den „Lucky Punch“ gesetzt.

Ratlosigkeit nach AbpfiffNach dem Unentschieden ist Dortmund zumindest von dem Dilemma befreit, auf drei Hochzeiten tanzen zu müssen und kann als bester Zweiter aller Zeiten dem FC Bayern zur X-ten Meisterschaft gratulieren. Doch der fade Beigeschmack, dass mit einer A-Elf der Derbysieg möglich gewesen wäre bleibt. Aber was zählt schon ein Derbysieg…

So haben sie gespielt

Herne-West: Fährmann - Riether, Matip, Neustädter, Kolasinac (74. Aogo) - Geis, Höjbjerg - Caicara (60. Meyer), Belhanda (81. Choupo-Moting), Sané - Huntelaar.

BVB: Bürki - Ginter, Sokratis, Hummels (46. Mkhitaryan), Durm - Leitner (73. Gündogan), Bender, Sahin - Pulisic (73. Aubameyang), Ramos, Kagawa.

Schiedsrichter: Zwayer (Berlin)

Tore: 0:1 Kagawa (48.), 1:1 Sané (51.), 1:2 Ginter (56.), 2:2 Huntelaar (66., Foulelfmeter).

Gelbe Karten: Sahin (31.), Kolasinac (45., im nächsten Spiel in München gesperrt), Riether (53.), Sokratis (65.), Höjbjerg (71.), Durm (73.), Belhanda (81.), Neustädter (87.).

Stimmen zum Spiel

Thomas Tuchel: „Wir haben ein bisschen gebraucht, um ins Spiel zu kommen. Das ist verständlich, weil wir viele Wechsel hatten. Die Aufstellung "Wir haben ein bisschen gebraucht, um ins Spiel zu kommen"hatte nichts mit dem Bayern-Sieg am Samstag in Stuttgart zu tun, die hatte ich schon sehr früh nach dem Liverpool-Spiel im Kopf und an der Tafel im Trainerzimmer. Wir laufen auf eine Belastungsgrenze zu, auch auf eine emotionale Belastungsgrenze. Deshalb wollten wir das so machen. In der zweiten Halbzeit fand ich uns klar besser, wir sind zweimal verdient in Führung gegangen, haben aber zweimal die Führung leichtfertig hergegeben. Das 2:2 ist deshalb okay.”

Tuchel über Pulisic: „Er ist im ersten Jahr A-Jugendlicher. Seine ersten beiden Spiele von Beginn an waren in Leverkusen und heute hier in Schalke. Es gibt leichtere Aufgaben. Es zeigt die große Wertschätzung unsererseits, dass wir ihn als vollwertiges Kadermitglied sehen. Er war gegen Werder und Liverpool ein wertvoller Einwechselspieler, er wirkte zuletzt wieder sehr frisch und konnte das heute bestätigen. Es ist völlig normal, dass er dieses Tempo und diese Intensität nicht über 90 Minuten gehen kann.“

Michael Zorc: „Man kann es so sehen, dass es ein gerechtes Unentschieden war. Aber wir hatten die qualitativ besseren Chancen, nach dem 2:2 mehrere hundertprozentige. Niemand hätte sich beschweren können, wenn wir gewonnen hätten. Aber es ist schon in Ordnung so.”

Nuri Sahin: „Eigentlich haben wir ein gutes Spiel gemacht, hatten immer wieder Phasen, in denen wir Schalke nur wenig Luft zum Atmen gegeben "Eigentlich wollten wir da sein, wenn die Bayern mal patzen sollten."haben. Trotzdem hatten wir dann auch immer wieder durchwachsene Phasen, in denen es besonders an der Genauigkeit im Passspiel gehapert hat und sind hinter unseren Möglichkeiten geblieben. Nach der Pause entwickelt sich dann ein so ein spektakuläres Spiel. Wir gehen zweimal in Führung, bekommen dann zweimal direkt den Ausgleich. Eigentlich wollten wir da sein, wenn die Bayern mal patzen sollten. Jetzt haben wir aber leider schon sieben Punkte Rückstand.“

Matthias Ginter: „Das Spiel hat gerade in der zweiten Halbzeit gehalten, was es versprochen hat. Vor der Pause haben wir uns ein bisschen schwer getan Torchancen herauszuspielen. Nach der Pause haben wir uns dann immer wieder schnelle Konter eingefangen. Insgesamt haben wir nicht zu 100 Prozent abrufen können, was wir eigentlich drauf haben. Deshalb geht das Unentschieden wohl in Ordnung.“

Die Akteure in der Kritik

Bürki: Beim ersten Gegentor legte er den Ball Sane direkt auf den Fuß, indem er den Ball nach vorne abprallen ließ. Beim Elfmeter war er Nach vorne gelang ihm nichts. chancenlos. Konnte sich ansonsten kaum auszeichnen. (3-)

Bender: Spielte in der ersten Hälfte solide im defensiven Mittelfeld und sorgte dort für Stabilität, in der zweiten Hälfte musste er den angeschlagenen Hummels in der Innenverteidigung ersetzen. (2-)

Hummels: Trotz Erkältung eine solide, aufmerksame Leistung (2-)

Durm: Nach vorne gelang ihm nichts. Alle Angriffe der Blauen liefen über seine Seite und er war schnell als Schwachstelle des BVB ausgemacht an diesem Derbytag. (5)

Sokratis: Konnte vor dem 1:1 nicht wirklich stören und verursachte den Elfmeter. (4-)

Ginter: Durfte viel einstecken, schoss ein Tor und sorgte ansonsten nur gelegentlich für Unruhe in der gegnerischen Hälfte. (3+)

Sahin: Eine abwechslungsreiche Leistung, zwischen Genie und Wahnsinn. Heute mit vielen leichten Fehlpässen und insgesamt in der Defensive Durfte viel einstecken, schoss ein Tor und sorgte ansonsten nur gelegentlich für Unruhe in der gegnerischen Hälfte.schwach. (4)

Kagawa: Auch er wankt zwischen Genie und Wahnsinn. Schießt ein Traumtor, doch die 100% Chancen lässt er aus. (3)

Leitner: Unauffällig bis auf seine Vorarbeit zum 1:0. (3)

Pulisic: Starke erste 20 Minuten, danach etwas untergetaucht. (3+)

Ramos: Läuferisch Top, ansonsten torungefährlich. (3-)

Christoph 10.03+1.2016


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