Jubiläumskick gegen die Königlichen liefert einige Erkenntnisse
Die Stimmen im Vorfeld der Partie waren geteilter Natur gewesen. Der spanische Riese Real Madrid: Für die einen ein kleines Highlight, für andere wiederum nur ein störendes Jux-Spiel zwischen zwei wichtigen Bundesliga-Partien. Und doch dürften die Zuschauer sowie Coach Jürgen Klopp einige hilfreiche Erkenntnisse gewonnen haben. Neben dem Event-Charakter besaß das Spiel nach der Niederlage in Hamburg nämlich sehr wohl einen sportlichen Wert. Besonders erwähnenswert sind daneben zudem die durchaus ordentliche Stimmung und die viel umfeierte Rückkehr von Christoph Metzelder.
Alles war vorbereitet gewesen für die Festspiele gegen das teuer zusammengekaufte Starensemble von Real Madrid. Dabei hatten viele der Fans erst einmal kurz nachdenken müssen, ob sich eine Fahrt nach Dortmund überhaupt lohnt. Es ging schließlich um die goldene Ananas, nicht einmal drei Punkte waren zu holen. Zudem wurde die Partie im Free-TV übertragen. Und doch: Gute Stimmung an diesem Mittwoch Abend. In einem eigentlich unbedeutendem Freundschaftsspiel warteten 75.000 Zuschauer auf den Tribünen auf den Anpfiff. Das bedeutete einen Rekord, wie Nobby Dickel später noch bekannt geben sollte.
All jenen angereisten Anhängern sollte auch etwas geboten werden: Im Vorfeld wollte der BVB ihnen mit einer eher unspektakulären Pyro-Show, musikalisch mit Trommeln begleitet, einheizen. Das war ganz nett anzusehen und anzuhören, aber nicht gerade umwerfend, vor allem auch, weil einzelne der feuerspuckenden Geräte schnell den Geist aufgaben und die Trommelei viel zu lange andauerte. So war man viel eher gespannt auf die Stars von Real um Kakà und Ronaldo und das Auftreten des eigenen Teams.
Schon wieder: Schnelles Gegentor durch genialen Kakà
Und tatsächlich: Real Madrid, dessen vorletztes Testspiel im Vorfeld offiziell als sehr wichtig eingeordnet wurde, schickte alle Stars von Beginn an auf den Platz. Beim BVB rotierte Jürgen Klopp auf einigen Positionen und schickte für Owomoyela den jungen Julian Koch in die Partie. Der wiedergenesene Dédé ersetzte Schmelzer, während Großkreutz eine Bewährungschance im offensiven Mittelfeld bekam. Dafür musste Hajnal sich mit einem Platz auf der Bank zufrieden geben. Der von Energie Cottbus gekommene Rangelov stürmte anstelle von Valdez von Beginn an neben Barrios. An der Grundausrichtung, einem 4-4-2 mit Raute, hielt Jürgen Klopp fest. Vielleicht hätte er hier auch einmal die Chance nutzen können, andere Systeme wie zum Beispiel das der flachen Vier zu proben.
Unter Blitzlichtgewitter und dem tosenden Beifall der Zuschauer betraten beide Teams das Feld. Schon früh am Abend war klar, dass der Testspiel-Charakter der guten Laune auf den Rängen keinen Abbruch tat. Die im Vorfeld getätigte Befürchtung, die Stimmung könnte aufgrund eines möglicherweise anderen Publikums als bei Bundesligaspielen leiden, bestätigte sich zunächst nicht.
Bezüglich des sportlichen Erkenntnisgewinns bot die erste Halbzeit einiges. Wie schon gegen den HSV erwischten die Madrilenen den BVB in der frühen Anfangsphase auf dem falschen Fuß. Ein Kakà-Hackentrick - vom anerkennenden Raunen im Stadion begleitet - lieferte schon nach drei Minuten die Vorlage für Granero, der Weidenfeller keine Chance ließ. Ein Tunnel und es stand 0:1. Dabei traf die Defensive des BVBs nicht einmal übermäßig große Schuld. Zu genial war der Trick des brasilianischen Weltfußballers von 2007. Nicht nur Santana und Subotic, nein, auch manch anderer Verteidiger von Format hätte sich von dieser Vorarbeit überrumpeln lassen.
Fortan spielte der BVB mutig und unbeeindruckt. Schnell wurde deutlich, das eine der wenigen Schwächen bei den Weißen im Defensivverhalten liegt. Das ein oder andere Mal kreirten der mutig aufspielende Julian Koch, der im Verlauf der Partie stärker werdende Kevin Großkreutz sowie Dédé und Kuba Chance um Chance für die Schwarz-Gelben. Die Abwehr der Königlichen geriet dabei einige Male in Bedrängnis und zeigte sich alles andere als sattelfest. Mit Tugenden wie Kampf und Laufbereitschaft boten die leidenschaftlichen Schwarz-Gelben dem weißen Ballet Paroli. Und die Fans zogen voll mit. Umjubelte Zweikämpfe und gellende Pfeifkonzerte gegen die Diva Cristiano Ronaldo, der es wieder mal nicht lassen konnte, bei Freistößen wie John Wayne auszusehen: Stimmungstechnisch war das bis hierhin mindestens auf Pflichtspiel-Niveau. Und auch die Spieler passten sich an ihr Umfeld an.
Ein echter Knipser fehlt noch
Auch wenn Kombinationen und die Ballsicherheit nicht so geschmeidig aussahen wie beim Gegner, durfte Jürgen Klopp durchaus zufrieden gewesen sein mit den ersten 45 Minuten. Barrios, Kuba, Santana oder auch Tinga boten sich riesige Chancen - und hier wurde klar, was momentan das schwerwiegendste Manko der Borussen ist: Die Chancenverwertung. Der riesige Aufwand stand wieder mal in keinem Verhältnis zu dem Ertrag, den die Spieler leisteten. Das kann mit Blick auf die kommenden Partien gegen Stuttgart, Frankfurt und Bayern durchaus Sorgen bereiten. Ein durchaus ansehnliches Spiel nach vorne, ein rigoroses Zweikampfverhalten und die Kontrolle in der Partie nützen nichts, wenn niemand vorne die Tore macht. Auch „Welttorjäger" Barrios ist noch nicht so weit, um der Mannschaft mit seinen Toren helfen zu können.
Ein Interview mit Matze Knoop blieb das einzig dargebotenen in der Halbzeitpause. Und selbst das ist nicht unbedingt erwähnenswert. Es muss auch nicht immer gezwungenermaßen irgendein Programm in der Halbzeit geboten werden. Auch oder gerade nicht zum 100. Geburtstag.
Viele Wechsel führen zu Gegentoren
Vor der zweiten Halbzeit wechselte Klopp beinahe das gesamte Team aus. Genau genommen nahm er neun Änderungen vor. Hünemeier, Bender und Kringe waren wohl die erwähnenswertesten Einwechslungen. Hier durfte man gespannt auf die Leistungen der zu Beginn der Saison außen vorgelassenen Spieler sein. Auch Ersatztorhüter Marc Ziegler erhielt eine Bewährungschance. Auf der anderen Seite änderte Real-Coach Pellegrini sein Team nur auf einer einzigen Position. Robben kam für den Torschützen Granero in die Partie und kopierte ihn direkt einmal. Drei Minuten in Halbzeit zwei waren gespielt: Eine Direktabnahme aus 16 Metern zischte am chancenlosen Marc Ziegler vorbei ins Netz. Ein Hammer! Und wie schon beim ersten Tor wieder dieses Raunen im Stadion. Die individuelle Fähigkeiten des spanischen Rekordmeisters musste man an diesem Abend durchaus anerkennen. Doch dieser Treffer wäre zumindest zu verhindern gewesen, hätte der gerade frisch eingewechselte Owomoyela nicht mustergültig mit dem Kopf vorgelegt.
Was folgte, lässt sich schnell zusammenfassen. Der sportliche Wert der Partie verflachte aufgrund der vielen Wechsel ein wenig. Kringe zeigte einige ordentliche Ansätze, ließ nach seiner Verletzung aber auch ein wenig Spritzigkeit vermissen. Sven Bender zeichnete sich durch gute Zweikampfführung und gute Pässe aus - sein Stellungsspiel allerdings ist noch stark verbesserungswürdig. Zu oft traten nun große Lücken im Mittelfeld auf, was von den Madrilenen auch prompt durch Treffer von Kakà, Higuain und den eingewechselten Raul bestraft wurde. Auch eine Frage der Eingespieltheit. So schenkten die Königlichen dem Geburtstagskind letzten Endes sogar fünf Treffer ein.
Festzuhalten bleibt personell vor allen Dingen, dass besonders der anfangs noch nervöse Großkreutz und ein präzise flankender Julian Koch sich als ernstzunehmende Alternativen für Hajnal und Owomoyela empfohlen haben. Beide hätten eine Chance verdient. Angreifer Barrios könnte hingegen eine Pause auch einmal gut tun, vielleicht platzt der Knoten bei ihm eher mal als Joker. Abschreiben sollte man den Argentinier aber auf gar keinen Fall. Auch Innenverteidiger Subotic leistete sich wieder einen krassen Fehler, spielte sonst zwar konstant, hat aber mit Mats Hummels einen talentierten und ambitionierten Konkurrenten im Nacken.
Gute Stimmung, eine lächerliche Humba und ein gefeierter Metzelder
Erwähnenswert bleibt die noch immerwährend gut bleibende Stimmung, auch nach den Gegentreffern. Irgendwann begannen die Fans sich selbst zu feiern, LaOla-Wellen schwappten durchs Stadion und die Anfeuerungsrufe wurde immer lauter. Das ist einerseits schön, andererseits hat das aufgrund des Ergebnisses zumindest einen kleinen faden Beigeschmack. Am schönsten ist es schließlich, ein ordentliches Ergebnis zu feiern - auch in einem unbedeutendem Testspiel. Lächerlich in diesem Zusammenhang allerdings die „Hinsetzen, Hinsetzen" -Rufe nach dem Spiel. Vernünftig, dass da niemand mitspielte. Und noch lächerlicher, die Mannschaft die man kurz zuvor feiern wollte, plötzlich auszupfeifen. Ein kleines negatives Highlight des Abends.
Ein positives Highlight gab es dann aber sogar noch nach dieser Aktion. Der schon bei seiner Auswechslung lautstark verabschiedete Christoph Metzelder feierte mit der Südtribüne und bekannte sich in folgenden Interviews ganz eindeutig zum BVB. Das erinnerte doch ganz stark an die Rückkehr von Jan Koller, der sich bei einem Gastspiel der Nürnberger ebenfalls von der Süd hatte feiern lassen. Und wer weiß, vielleicht kommt der (Ex-?)Nationalspieler irgendwann mal wieder zurück zum BVB.
Aufstellungen
BVB 1. Halbzeit: Weidenfeller - Koch, Subotic, Santana, Dédé (65. Schmelzer) - Sahin - Kuba, Tinga - Großkreutz (65. Öztekin) - Barrios, Rangelov
BVB 2. Halbzeit: Ziegler - Owomoyela, Hünemeier, Hummels, Dédé - Bender - Kringe, Großkreutz - Hajnal - Valdez, Zidan
Die Königlichen: Casillas - Albiol, Pepe, Metzelder (78. Garay), Marcelo (78. Drenthe) - Xabi Alonso, Granero (46. Robben), Lassana Diarra - Kakà (78. Raul), Ronaldo - Benzema (70. Higuain)
Tore: 0:1 Granero (3.), 0:2 Robben (48.), 0:3 Higuain (73.), 0:4 Kakà (76.), 0:5 Raul (89.)
Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer
Zuschauer: 75.000
Stimmen
Christoph Metzelder: „Es war eine sehr emotionale Rückkehr für mich, das erste Mal nach dem Derbysieg vor zwei Jahren. Ich freue mich natürlich über die positive Begrüßung. Und ich hatte die Gelegenheit mich noch einmal persönlich bei den Fans zu verabschieden. Vielleicht ist Abschied aber auch nicht das richtige Wort. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nach dem Spiel noch mal zur Südtribüne gehen soll. Die Dortmunder haben heute 0:5 verloren und ich bin einer aus der gegnerischen Mannschaft. Aber ich denke da hat jeder Verständnis für, das der BVB mir viel bedeutet."
„Unser Sieg heute ist sicher zwei, drei Tore zu hoch ausgefallen. Der BVB hat gut gekämpft und viel Lauf- und Einsatzbereitschaft gezeigt. Ich denke, sie werden in der Bundesliga eine gute Rolle spielen. Wir haben eben auch eine größere individuelle Klasse durch unsere Einzelspieler, da kann so was mal passieren."
...zu Julian Koch: „Mit seiner Aggressivität in den Zweikämpfen und seiner Laufstärke verkörpert er - wie auch andere Dortmunder - die typische deutsche Spielweise. Gegen so was spielen wir bei Real nicht gerne."
Nuri Sahin: „Es war zum Glück nur ein Testspiel, denn so klar will man auch gegen Real Madrid nicht verlieren."
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