Von null auf hundert in zwölf Monaten
Am Samstag, dem letzten Bundesliga-Spiel der Saison geht es für den BVB um alles. Gewinnen die Mannen um Trainer Jürgen Klopp, ist die Qualifikation zur neuen Euro-Liga gesichert. Doch schon jetzt – vor dem finalen Showdown - lohnt sich ein kleiner Rückblick. Was hat sich bei Borussia Dortmund in einem Jahr sportlich getan? Hat Jürgen Klopp Wort gehalten, als er von „der ein oder anderen Vollgasveranstaltung“ sprach?
Mai 2008. Der 33. Spieltag ist gerade zu Ende gegangen, der BVB hat sich 2:2 von Arminia Bielefeld getrennt und muss sich um den Ligaverbleib endgültig keine Sorgen mehr machen. Doch die Spielzeit verlief alles andere als optimal. 13. Platz, mit 40 Punkten weit abgeschlagen von den Rängen, die man sich insgeheim zum Ziel gesetzt hatte. Die Schießbude der Liga. Und selbst gegen Bielefelder Abstiegskandidaten hat man Glück, zumindest einen Punkt zu holen. Wie im Jahr davor, ist Bielefeld einer der Tiefpunkte der Saison.
Von Platz 13 auf Platz 5 in nur einem Jahr
Sprung zurück, in die Gegenwart. Auch wenn der Vergleich natürlich gewagt ist, weil das vergangenen Samstag ein Heimspiel war und damals nicht: Wieder spielt Dortmund gegen Bielefeld, diesmal lautet das Ergebnis allerdings 6:0, die ganze Stadt feiert, der Ruhrgebiets-Riese steht auf Platz 5. So unterschiedlich beide Ergebnisse, so anders ist im Vergleich zu damals auch die momentane Stimmung rund um die Borussia. Dümpelte man letzte Saison irgendwo im Niemandsland der Tabelle (mit Tendenz nach unten), sieht das heute ganz anders aus. Hatte der allgemeine BVB-Fan nur an einem einzigen Tag – dem Pokalfinale – einen Grund, stolz zu sein, stolpert er heute von einer Siegesfeier in die nächste. Acht Siege aus den letzten neun Partien, dazu viele Tore und schöner Fussball. Was genau eigentlich sind die Gründe für diesen Umschwung?
Zunächst lohnt sich da natürlich ein kleiner Blick auf die Statistik. Mit 58 Punkten hat der BVB ganze 18 Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison geholt. Einem deutlich positivem Torverhältnis von 59 zu 36 Toren steht ein negatives aus der vergangenen Runde entgegen (48 zu 58). Demnach hat das Team ganze elf Treffer mehr erzielt, sich aber vor allem auch 22 Gegentore weniger eingefangen. Das ist ligaweit die zweitbeste Bilanz, während man vor genau einem Jahr noch die Schießbude im Profifußballs darstellte.
Die Abwehr steht wieder ihren Mann
Einen großen Anteil daran haben natürlich die neuen Innenverteidiger Mats Hummels, Neven Subotic und Felipe Santana, die (nach mehr oder weniger langer Eingewöhnungsphase) der Defensive wieder neue Stabilität verleihen. Neben der viel niedrigeren individuellen Fehlerquote im Vergleich zum dem Innenverteidiger-Trio Wörns, Brzenska und Amedick ist aber besonders noch ein Punkt hervorzuheben. Die neuen haben allesamt Stärken im Spiel nach vorne. Hummels brilliert besonders im Spielaufbau, während Subotics lange Pässe oft haargenau einen Abnehmer finden. Auch Santana hat einen Satz gemacht und unternimmt mittlerweile in Lucio-Manier gerne mal den ein oder anderen Ausflug in den gegnerischen Strafraum. Ballverluste, die zu direkten Gegenangriffen führen, sind dadurch deutlich seltener geworden.
14 Spiele ohne Gegentor sind ein deutliches Zeichen dafür, dass eine gewisse Konstanz Einzug gehalten hat bei den Borussen. Roman Weidenfeller hat längst wieder die alte Form von vor zwei Jahren. Er strahlt Sicherheit auf seine Vorderleute aus und hat sich selbst fussballerisch leicht verbessert (mittlerweile kommen sogar Pässe mit dem rechten Fuß an). Weltklasse-Paraden auf der Linie zeichneten den Eisbachtalpanther schon immer aus. Nicht zu Unrecht steht er vor einer Nominierung für die DFB-Asienreise. Ein weiteres Indiz für diese neue Konstanz beim BVB: Neven Subotic stand bisher neben Andrea Barzagli als einziger Feldspieler in allen 2970 Minuten in dieser Saison auf dem Platz. Umso ärgerlicher, dass er wegen der fünften gelben Karte zum Finale in Gladbach fehlen wird.
Die vor der Saison als Kinderriegel betitelten haben es allerdings auch wesentlich leichter als ihre Vorgänger, das muss klar gesagt werden. Denn unter Jürgen Klopp ist die Mannschaft insgesamt taktisch viel besser geschult. Das Verschieben gegen den Ball funktioniert, auch ohne, dass das Offensivspiel darunter leidet (wie unter Doll, der Petric gerne mal nur nach hinten arbeiten ließ). 59 Saisontore sind ein klares Indiz dafür.
Ein seltenes Gefühl: Niederlagen
Hat man in der Saison 2007/2008 noch ganze 13 Mal verloren, ist man mittlerweile die Mannschaft mit den wenigsten Niederlagen. Das liegt zum einen an der Taktik, der man eine ökonomische und effektive Spielweise zu verdanken hat. Hier besitzt aber auch Fitnesstrainer Oliver Bartlett, den Klopp vor der Saison geholt hatte, einen großen Anteil. Die Ausdauer scheint bei vielen verbessert, was natürlich auch daran liegt, dass unnötige Laufwege vermieden werden. Die Konzentration vor dem gegnerischen Kasten steigt, was eine bessere Chancenverwertung zum Ergebnis hat. Nelson Valdez, der sieben Treffer und sechs Vorlagen auf seinem Konto zu verbuchen hat, ist wohl da das Paradebeispiel. Zudem ist gerade bei Spielern wie Nuri Sahin oder Alexander Frei (nach Verletzung) zu beobachten, dass Explosivität und Grundschnelligkeit deutlich verbessert wurden. Ein Ergebnis von Bartletts Arbeit.
Zudem hat ein neuer Wille, kein Spiel mehr verloren zu geben, im Team Einzug gehalten. Anders als noch in der letzten Saison lässt sich niemand mehr hängen, wenn es mal nicht so läuft. Ausnahme bildet die Partie gegen Hoffenheim. 13 Unentschieden und nur fünf Niederlagen sprechen da eine deutliche Sprache. Ein weiteres Plus im Spiel der Borussia ist auch das Verhalten nach Führungen. Unter Thomas Doll igelte sich die Mannschaft allzu oft nach einem eigenen Treffer ein und versuchte, den Vorsprung mit Glück und Geschick über die Zeit zu retten. In dieser Saison ist das anders. Nach einem Führungstor wird weiter die kontrollierte Offensive gesucht, was sich in hohen Siegen und einem guten Torverhältnis wiederspiegelt.
Ein homogener Kader und individuelle Klasse
Um so erfolgreich sein zu können, wie er es heute mit seiner Mannschaft ist, hat Jürgen Klopp an einigen Schräubchen im Kader drehen müssen. Für einen Mladen Petric - torgefährlich, aber mit ebenso gefährlichen Ballverlusten im Vorwärtsgang – strich der BVB eine ordentliche Ablöse ein und bekam obendrauf in Zidan einen flinken, technisch versierten Stürmer. Dass der Ägypter bei vielen zunächst einen schweren Stand hatte, machte ihm den Einstand sicher nicht leichter. Doch jedes einzelne seiner sieben Tore (fast alle spielentscheidend) brachte ihm ein wenig mehr Akzeptanz.
Antonio Rukavina (1860 München), Diego Klimowicz (VfL Bochum) und Giovanni Federico (Karlsruher SC) wurden im Winter ausgeliehen und somit der Kader etwas ausgedünnt. Rechts hinten setzt der Trainer nun auf den kopfballstärkeren und erfahrenen Owomoyela und hat zudem noch einen Lee in der Hinterhand. Im Mittelfeld hat sich der junge Nuri Sahin in den Vordergrund spielen können. Mit seiner Ball- und Passsicherheit sowie seiner deutlich verbesserten Sprintfähigkeit gehört er seit Rückrundenbeginn zu einem der Eckpfeiler der ersten Elf. Immer wieder nimmt er das Heft des Handelns in die Hand und entlastet damit auch den eigentlichen Spielmacher Tamas Hajnal, der mit fünf Toren und elf Vorlagen eine ordentliche Saison spielt, ab und an aber auch mal untertaucht.
Erwähnenswert auch das Comeback von Sebastian Kehl, vielleicht einer der wichtigsten Faktoren für die aktuelle Erfolgswelle. Seine Leistungssteigerung – auch die verletzungsfreie Zeit hat da ihren Anteil – hilft der Mannschaft ungemein, Seine Stärken hat der Kapitän im Zweikampfverhalten und (an guten Tagen) im Passspiel. Dass er mittlerweile wie vergangenen Samstag auch mal ein Zeichen setzt, wenn es nicht so gut läuft, ist ein weiteres Plus. Viele die den Nationalspieler abgeschrieben hatten, sind nun hoffentlich eines besseren belehrt worden.
Neben den angesprochenen Spielern sind natürlich noch eine ganze Reihe andere Spieler zu nennen. Ob Valdez, Kuba oder Frei – alle haben ihr Spiel deutlich verbessert. Und auch wenn Spieler wie Frei oder Subotic im Laufe der Saison aus verschiedenen Gründen durchaus auch mal in ein Leistungsloch gefallen sind, stimmt das Gesamtpaket. Auf der Bank warten hungrige Leute auf ihre Einwechslung, auf dem Platz kämpft jeder für jeden. Das Selbstvertrauen, das mit jedem Sieg etwas größer wird, tut da sein Übriges.
Der Klopp-Faktor
Zuletzt hat natürlich auch der neue Coach in Reihen des BVB einen riesigen Anteil an dem Erfolg. Jürgen Klopp setzt auf Kontinuität in der Aufstellung (acht Mal in Folge die gleiche Startelf), was dem Kombinationsspiel zugute kommt. Viele Treffer entstehen mittlerweile nicht nur aus Einzelaktionen und glücklichen Umständen heraus. Und wenn der rhetorisch gewandte Klopp mal etwas an seinem Team ändert, kann er dies sowohl in den Medien als auch bei seinen Spielern verständlich erklären. Die Journalisten sowie die Fans können anders als noch unter Doll besser nachvollziehen, was der ausschlaggebende Grund für seine Entscheidungen sind. Mit diesem Vertrauen in den Trainer wurde auch die kleinere „Krise“ zu Beginn der Rückrunde gut überstanden.
Was auch immer der letzte Spieltag also bringen wird, eins ist klar: Der BVB ist wieder da. Mit jungen, hungrigen Spielern und erfahrenen Leadern sowie einem Trainer, der ganz Dortmund zu euphorisieren scheint. Die Zukunftsaussichten scheinen gut, schon alleine ein Blick auf das Durchschnittsalter im Team verrät das (25,9 Jahre). Klopp und sein Trainerteam verstehen es, jeden Spieler individuell stärker zu machen und trotzdem auf das Gesamtpaket zu achten. Selbst ohne großartige Transfers im Sommer kann Borussia Dortmund also auch im nächsten Jahr in der Entwicklung einen Schritt nach vorne machen. Eine ähnliche Saison wie die jetzige wäre auf jeden Fall ein Erfolg.
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