Hernes Wilder Westen - Eine Indianergeschichte
Wenn der Schnee geschmolzen ist, sieht man die Kacke. (alte Weissagung der Schla-Aker) „Schickt Ihn fort!“ Geschrei hallte durch das Lager und alle Stammesangehörigen schauten erschrocken hinüber zum Zelt ihres Häuptlings. Rauchender Kopf war außer sich vor Wut. Seit vielen Sommern darbte der Stamm nun schon vor sich hin. So lange, dass sich selbst unter den Ältesten kaum mehr einer erinnern konnte, wann die Schla-Aker letztmalig eine große Schlacht siegreich verlassen konnten.Seither jedenfalls war es immer mehr bergab gegangen. Wo der Stamm früher in endlos ertragreichen Jagdgründen lebte, war er mit der Zeit von den anderen Stämmen immer weiter in die Prärie vertrieben worden. Heute gehörte den Schla-Akern nur noch ein winziges Stück Erde, das gerade eben ausreichte, um das Volk mit dem Nötigsten zu versorgen. Ein ödes Fleckchen Welt war dies, das von den weißen Siedlern nur Tal des Elends genannt wurde, und das den anderen Stämmen als Scha-LeKe - Rattenloch - Anlass zu schaurigsten Erzählungen über böse Geister bot.
Büffel gab es hier schon lang nicht mehr, der letzte war vor zahllosen Monden gesichtet worden, und so mangelte es den Schla-Akern an vielem, das sie früher noch im Überfluss vorgefunden hatten: Es gab keine Sehnen für die Bögen, so dass die Krieger des Stammes manchem Angriff in der Vergangenheit schutzlos ausgeliefert gewesen waren, und es gab kein Leder, aus dem sich die Frauen und Männer neue Kleider hätten fertigen können. So trugen sie seit den Zeiten des letzten Büffels die alten ausgefransten und schmutzigen Westen und malten sich in ihren Träumen aus, wie schön es wäre, doch wieder einmal im Überfluss zu leben. Auch Rauchender Kopf träumte von diesen Zeiten, obwohl er – anders als seine Stammesbrüder – immerhin neue Kleider trug. Ein Spähtrupp der Schla-Aker hatte vor einigen Monden nämlich einen Treck Siedler überfallen und dabei ein paar Stücke feinstes Kaschmir erbeutet. In ihrer Ehrerbietung gegenüber ihrem Häuptling hatten die Krieger den Stoff aber nicht für sich selbst behalten, sondern ihn Rauchender Kopf dargebracht. Nichts anderes hätte er von seinem Volk aber auch geduldet.
Den Kaschmir trug der Häuptling fortan mit Stolz, wenn er über den Platz schritt, wo die Schla-Aker ihre Tipis aufgeschlagen hatten. Und manches Mal, wenn ihn die Traurigkeit übermannen wollte - die Traurigkeit, dass der Stamm der Ahnen ein solches vorläufiges Ende genommen hatte – dann strich er mit seinen Händen über den feinen Stoff, lächelte und sein Kopf qualmte noch viel mehr als er es üblicherweise tat.
Doch jetzt lächelte der Häuptling nicht und auch Sieben Monde, seine ergebene Squaw, die unverzüglich herbei geeilt war, als das Geschrei ihres Mannes erklang, vermochte kaum, den großen Häuptling zu besänftigen. Schnell schaffte sie ihrem Mann eines der Tabakröllchen und einen Becher voll wundersamen Saftes herbei. Dinge, die die Krieger der Schla-Aker bei ihren Angriffen auf die Siedler ebenfalls erbeutet hatten, und denen sie seither eine besondere Wirkung zuschrieben. Vor allem Rauchender Kopf liebte Röllchen und Getränk. Jetzt aber konnten auch sie ihn nicht beruhigen:
„Es ist genug! Hinfort mit ihm! Rauchender Kopf will diesen Mann nicht mehr sehen. Nicht auf dem Land der Schla-Aker. Nicht auf dem Boden unserer Ahnen!“
“Was ist denn passiert?“, fragte Sieben Monde besorgt. „Was hat Rauchender Kopf so in Wut versetzt?“ Der Häuptling aber antwortete nichts. Hastig trank er zwei, drei, vier Becher des magischen Gebräus und hüllte sich anschließend derart tief in den ihm eigenen Rauch, dass er einen fürchterlichen Hustenanfall bekam, der seine Wut nur noch beflügelte: „Welch ein Verrat! Nach allem, das Rauchender Kopf ihm geschenkt hat! Rauchender Kopf hat weißen Mann aufgenommen in den Kreis der Krieger, obgleich er genauso ein bleiches Gesicht hat wie alle Fremden, die jämmerlich am Pfahl zu Grund gingen. Und was ist der Dank des Fremden? Der Dank?“
Rauchender Kopf tobte so sehr, dass man ihn noch in weiter Entfernung hören konnte, und jeder Schla-Aker wusste, dass es nicht ratsam war, jetzt in die Nähe des Häuptlings-Tipis zu kommen. Nur Professor Ralley Rannick, der Mann, dem der Zorn des Häuptlings galt, blieb völlig ruhig, entfernte sich langsam vom Gezeter des Stammeschefs und ging gedankenverloren in Richtung seines eigenen Zeltes. Nun war seine Zeit bei den Schla-Akern also beendet, aber er hatte ohnehin schon gespürt, dass es so kommen musste. Anlass zur Furcht bestand nicht. Beim Stamm genoss er hohes Ansehen, Rauchender Kopf würde ihm also nichts antun können. Das wussten sie beide und vielleicht schrie der Häuptling deshalb lauter, als Rannick je zuvor einen Menschen hatte schreien hören.
Gerade als er diesen Gedanken beendet hatte, kam der Professor an seinem Tipi an, in dem er seit vielen Monden lebte, und er spürte die Traurigkeit in sich aufkommen. Damals hatte er, der weiße Gelehrte, sich in diesen unwirtlichen Teil des Landes verirrt und war von den Kriegern der Schla-Aker gefangen genommen worden. Das Schicksal, am Marterpfahl zu sterben, so wie es vor ihm schon so viele Siedler erlitten hatten, war ihm damals erspart geblieben, denn mit seinem Wissen und einem kleinen Lederbeutel voll Medizin hatte er – so glaubten es zumindest die Schla-Aker – einem Krieger das Leben gerettet. Tatsächlich war der Mann nicht ernsthaft krank gewesen und die Medizin, die Rannick ihm verabreicht hatte, war schon damals in nahezu jedem Haus der Weißen Standard, aber dies behielt der Professor wohlweißlich lieber für sich.
Seither jedenfalls verehrte das Volk den Professor und dieser hatte gerne das Angebot des Ältestenrats angenommen, auf unbestimmte Zeit bei den Schla-Akern zu leben. Zu groß war sein Interesse, diese für ihn primitiv anmutenden Wilden zu studieren. Furcht vor der Marter musste er ohnehin nicht mehr haben. Seit der ersten Heilung galt Rannick unter den Kriegern als eine Art Schamane und von Zeit zu Zeit untermauerte er diesen Ruf mit weiteren Heilungen aus seinem Lederbeutel.
Doch je mehr Rannick innerhalb des Stammes an Einfluss gewann, umso kritischer beäugte der Häuptling ihn und die Gunst, die dem Fremden vom Rest des Volkes entgegenschlug. Mit jeder Heldentat des Professors wurde Rauchender Kopf neidischer, denn seine eigenen Erfolge lagen schon einige Zeiten zurück. In der jungen Vergangenheit waren die von ihm geführten Krieger einen Gegner nach dem anderen unterlegen und hatten viel von ihrem einstigen Einfluss verloren. Zwar war die Ehrerbietung, die die Schla-Aker ihrem Stammesführer entgegenbrachten, nach wie vor ungebrochen, doch den Häuptling bekümmerte es, dass sein Volk seinen Prophezeiungen keine Taten folgen ließ. Immer wieder hatte er die Krieger und den Rat der Alten beschworen, der Stamm würde unter ihm und seinem Ziehsohn, Andy Fellkragen, einem Halbblut, schon bald wieder die reichen Jagdgründe zurück erobern, die ihm einstmals gehörten. Doch nichts davon war bisher eingetroffen.
Schlimmer noch. Während vor allem auch die Stammesältesten dem weißen Gelehrten Rannick huldigten und ihn immer wieder um Rat ersuchten, begegneten die meisten im Stamm Andy Fellkragen, den Rauchender Kopf als Findelkind unter seine Fittiche genommen hatte, mit großer Skepsis und bisweilen gar mit offener Ablehnung. Ein Weißer, der Kranke heilt, war das eine. Aber ein Halbblut als Sohn des Häuptlings? Nein, damit konnten sich die Alten bisher nicht abfinden.
„Das muss sich ändern“, dachte Rauchender Kopf. Und so zitierte der Häuptling seinen Gelehrten zu sich und bat diesen, ihn, den Stammeshäuptling selbst, und seinen Sohn doch in die wundersamen Heilkünste einzuweihen. Nie hätte er geglaubt, dass sich Rannick diesem Wunsch widersetzen könne. In seinem ganzen Volk gab es keinen noch so tapferen Krieger, der den Worten des Stammesführers zu widersprechen wagte. Zu groß war unten ihnen die Furcht vor der Wut des Häuptlings. Nicht so bei Rannick. Zwar wusste auch er, dass er fortan auf diesem Land nicht mehr willkommen sein würde, er wusste aber auch um die Gefahr, die ihm drohte, wenn er sein Geheimnis preisgeben würde. Fortan wären seine Taten keine Wunder mehr und die Krieger würden die Hochachtung vor ihm verlieren. Darum also schlug er dem Häuptling nicht nur dessen Bitte aus, sondern erklärte ihm gleichsam, dass seine Zeit bei den Schla-Akern zu Ende ginge und es ihn weiterzöge. Rauchender Kopf hatte reagiert, wie es zu erwarten war, und so blieb dem Professor jetzt nur noch eins: Seine wenigen Habseligkeiten zusammen zu suchen, das Pferd zu satteln und davon zu reiten.
Und genau das Tat er auch. Er schritt durch das Lager und winkte allen Kriegern und ihren Squaws noch einmal zu, die ihrerseits immer wieder seinen Namen riefen. Dann ließ er die Zelte hinter sich und ritt langsam der Sonne entgegen, ein Lächeln auf den Lippen und verfolgt von den misstrauischen Blicken des Häuptlings, der es sich nicht nehmen ließ, sich mit eigenen Augen vom Auszug des Professors zu überzeugen.
Zufrieden kehrte er anschließend in sein Zelt zurück. „Den sind die Schla-Aker los“, murmelte der Häuptling vor sich hin und fügte – an Sieben Monde gewandt – hinzu: „Hat meine Squaw Sieben Monde gesehen, wie Rauchender Kopf das gelöst hat? So geht man einfach nicht mit einem stolzen Schla-Aker um und auch Andy Fellkragen wird es fortan leichter haben.“ Sieben Monde schwieg, sah ihren Mann und Häuptling an und lächelte – ein bisschen zu lang; ein unbeteiligter Beobachter hätte ihr sicher angemerkt, dass sie nicht mit dem Stammeschef einer Meinung war. Doch dieser selbst hatte sich schon einen weiteren Schluck des goldenen Tranks genommen, streichelte über den Kaschmir und verschwand einmal mehr völlig in seiner eigenen Welt, in der die Schla-Aker der mächtigste aller Stämme waren und er – Rauchender Kopf – als Herr über die unerschöpflichsten Jagdgründe gebot, die man sich nur vorstellen konnte. Ein Häuptling, dem all die anderen Stammesführer mir Ehrfurcht begegneten und dessen Ruf wie Donnerhall unter den Weißen Angst und Schrecken verbreitete. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, als er jäh aus seinen Gedanken fortgerissen wurde.
Während Rannick davon geritten war, hatte sich lautstarkes Wehklagen über den Tipis der Schla-Aker erhoben und war letztlich zu einem einzigen Klagegeschrei angeschwollen, das nun auch in das Tipi des Häuptlings drang. Sein Volk war in Unruhe, keine Frage, und man beklagte das Fehlen des weißen Mannes, der so vielen Männern, Frauen und Kindern geholfen hatte. Selbst die Ältesten stimmten in die Klagen mit ein und zogen vor das Zelt von Rauchender Kopf, um vom Stammeschef zu erfahren, wie es nun weitergehen sollte mit dem vom Leid gebeutelten Volk.
Rauchender Kopf trat aus seinem Zelt, um den wild durcheinander rufenden Kriegern Einhalt zu gebieten, aber diese ließen sich kaum beruhigen. „Weiser weißer Mann war Hoffnung für uns“, klagte ein alter Krieger, und Halbierter Büffel, der Sprecher des Stammesrates fügte hinzu: „Die Schla-Aker brauchen Hoffnung für den Kampf! Ohne Hoffnung können unsere Krieger in die Jagdgründe der Ahnen nie mehr zurückkehren. Unsere Brüder und Schwestern leiden. Wie kann Rauchender Kopf den weisen Mann einfach wegschicken?“
Schon als er Rannick fortschickte, hatte Rauchender Kopf gewusst, dass dies seinen Brüdern und Schwestern im Stamme nicht gefallen würde. Doch mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Bisher hatten sie seine Entscheidungen immer akzeptiert und sein Wort gefürchtet. Doch dieses eine Mal war alles anders und er wusste, dass er jetzt keinen Fehler machen durfte. Oft kam es zwar nicht vor, dass sich ein Stamm gegen seinen Anführer auflehnte, und gerade die Schla-Aker galten stets als besonders treuherzige Gefolgsleute, aber er musste auf der Hut sein, wollte er die Ehre der Häuptlingswürde eines Tages an Andy Fellkragen weitervererben. So ersann er sich eine List:
„Rauchender Kopf hatte eine Vision“, sprach der Häuptling langsam und bedächtig, damit die Worte ihre volle Kraft entfalten konnten. „Zorra ist ihm im Traum erschienen!“
Mit einem Mal wurde es still im gesamten Lager. Die Krieger schwiegen plötzlich und starrten ungläubig auf ihren Häuptling. Die Büffel-Kuh, von der er sprach, wurde seit Generationen von den Schla-Akern verehrt. Der Legende nach soll das Fleisch der Kuh Zorra viele Jahre die Familien der Ahnen gespeist und dem Stamm zu großem Einfluss verholfen haben. Seither befragten die Schmanen oft den Geist von Zorra, und der gesamte Stamm betete in seinen schwersten Stunden zu der Büffel-Kuh. Doch die letzten Zeichen, die man von ihr bekommen hatte, waren schon so lange her, dass sich nur die Ältesten im Stamm noch daran erinnern konnten. Jetzt war sie also zurückgekehrt, zumindest hatte Rauchender Kopf das behauptet. War doch noch nicht alles verloren für die Schla-Aker?
Der Häuptling legte nach: „Zorra sprach zu Rauchender Kopf. Sie ist sehr traurig über Schicksal der Schla-Aker. Zorra möchte viel Fleisch geben von ihren Brüdern und Schwestern, um zu helfen dem Stamm. Aber…“, Rauchender Kopf senkte die Stimme, „…sie ist auch traurig, dass die Schla-Aker gaben einem Mann Unterkunft und verehrten ihn wie einen Schamanen, der nicht einer der ihren war, sondern einen der Weißen, die Zorras große Familie bedrohen.“
Lautes Gemurmel folgte. Viele waren erschrocken, andere in Sorge, wieder andere erfreut ob der Worten des Häuptlings, und dieser bemerkte zufrieden, dass seine Ansprache Wirkung gezeigt hatte. Vielleicht war jetzt sogar der Zeitpunkt gekommen, an dem er seinem Ziehsohn zu der Ehre verhelfen konnte, die einem reinblütigen Häuptlingssohn ohnehin zugestanden hätte.
Halbierter Büffel erhob wieder die Stimme und fragte, ob Zorra dem Häuptling denn auch gesagt habe, wie sich der Stamm fortan verhalten wollte.
Dankbar nahm Rauchender Kopf die Frage auf, denn genau in diese Richtung hatte er die Ansprache lenken wollen. Dies war der ideale Zeitpunkt, um seinen Ziehsohn ins Spiel zu bringen: „Zorra hat Rauchender Kopf nicht gesagt, was die Schla-Aker tun sollen. Sie hat aber versprochen, uns ein Zeichen zu senden. Bis dahin…“ Er stockte und wartete die Reaktionen ab. „Bis dahin? Was sollen die Schla-Aker bis dahin tun? Sprich, großer Häuptling!“, bat derselbe Krieger und Rauchender Kopf registrierte, dass auch die anderen Männer und Frauen voller Neugier darauf warteten, dass er ihnen erklärte, was Zorra von ihnen verlangte.
„Nun gut“, setzte der Häuptling fort, „ich will es Euch sagen. Zorra sprach zu mir, wir sollten auf einen Krieger schauen, dessen Blut gemischt ist und der das Herz eines Schla-Akers mit der List der Weißen Männer verbindet.“
Es wurde schlagartig still im Lager. Die Blicke der Krieger ruhten erst lange auf dem Häuptling, dann wandten sie sich, wie auch ein Kommando, alle Andy Fellkragen zu, der etwas abseits stand.
Nur die Kinder der Schla-Aker bekamen davon nichts mit. Sie interessierten sich noch nicht für die Gespräche der „Großen“, für deren Kuh-Geister, Prophezeiungen oder des Häuptlings häufige seltsame Reden. Wie alle Kinder spielten sie sie viel lieber und tollten deswegen gerade um ein paar abseits gelegene Zelte und ahmten die großen Schlachten der noch viel größeren Krieger nach, von denen abends am Lagerfeuer die Alten erzählten. Gerade hatte einer der Jungen vorgeschlagen, einen Wettbewerb zu veranstalten, um endlich herauszufinden, wer von ihnen der beste Bogenschütze sei. Die Aufgabe bestand darin, auf einem kleinen Pferd reitend einen oben am Tipi befestigten Topf zu treffen – ein leichtes für echte Krieger, für die Kinder aber eine große Herausforderung. Zwei Jungen hatten sich bereits versucht und waren knapp gescheitert. Nun war Kleiner Strohhalm an der Reihe – der älteste unter den Jungen, der oft schon davon träumte, ein echter Krieger zu sein, der mit Pfeil und Bogen aber fast noch mehr auf dem Kriegsfuß stand als mit all den anderen Jungen, die ihn wegen seine dürftigen Kampfkünste oft auslachten. Doch diesmal sollte alles anders werden: Wild entschlossen schwang sich Kleiner Strohhalm deshalb auf das Pferd, lenkte es geschickt mit dem Druck seiner Beine durch den festgelegten Parcour und visierte dabei das Ziel mit dem Bogen an. An der markierten Stelle ließ er den Pfeil los und dieser schoss davon - weit am aufgehängten Topf vorbei, hinter die Zelte und aus dem Blickfeld der Jungen heraus. Dann hörten sie einen Schmerzschrei.
Andy Fellkragen jaulte lautstark auf, als der Pfeil ihn am Auge traf. Zwar hatte er Glück, dass es keine echte Pfeilspitze gewesen war, die an dem Holz befestigt war, aber auch dieser Schmerz reichte ihm aus. Ängstlich schaute er sich um, aus welcher Richtung er wohl beschossen worden war, und auch die anderen erschrockenen Krieger taten es ihm gleich. Da kam plötzlich eine Handvoll Jungen angerannt, allen voran Kleiner Strohhalm, der heftig erschrak, als er bemerkte, wen sein Pfeil da getroffen hatte. Ausgerechnet den Sohn des Häuptlings hatte sich das Flugobjekt als Ziel ausgesucht. Das würde Ärger geben!
Ängstlich trat der kleine Junge zu Andy Fellkragen und bat diesen mit zitternder Stimme um Verzeihung: „En…en…en…entschuldige b-b-bitte. Der Pfeil sollte…Andy F-Fellkragen nicht tre….“ Weiter kam er nicht. „DAS IST DAS ZEICHEN!“, schrie eine der Frauen, und einer der Krieger fügte hinzu: „Ja, das ist es! Hat nicht Zorra zu Rauchender Kopf gesprochen, dass die Schla-Aker auf ein Halbblut schauen sollen? Das haben wir getan und hier ist das Zeichen! Andy Fellkragen ist getroffen worden von Kleiner Strohhalm. Der Pfeil ist die Schlacht! Der kleine Junge ist unsere Hoffnung! Er soll die Schla-Aker in die Schlacht führen!“ Jubel erklang, doch Rauchender Kopf war entsetzt. Es war seine Absicht gewesen, dass Andy Fellkragen die Krieger der Schla-Aker anführen sollte, damit er endlich voll akzeptiert würde, und jetzt das! Statt seinem Ziehsohn wollte der Stamm einem Kind diese Aufgabe übertragen! „Seht Ihr nicht, dass er noch ein kleiner Junge ist? Er kann doch nicht…“, herrschte er den Stamm an, wurde aber sogleich von Halbierter Büffel unterbrochen: „Man muss die Kuh Zorra nicht verstehen, aber sie sorgt gut für die Schla-Aker und irrt nicht. Sie hat Rauchender Kopf ein Zeichen versprochen und hier war das Zeichen. Kleiner Strohhalm soll unsere Krieger anführen, das ist Zorras Wille!“
Die übrigen Frauen und Krieger, vor allem aber der gesamte Rat der Stammesältesten, stimmten ihm zu und priesen den neuen Hoffnungsträger der Schla-Aker überschwänglich. Rauchender Kopf musste sich eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hatte, als er den Schla-Akern von seiner angeblichen Vision erzählt hattee. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Votum des Stammes zu beugen.
So trat er zu dem kleinen Jungen hin und erklärte dem völlig erstaunten Kind mit unbewegter Miene:
„Kleiner Strohhalm ist die letzte Rettung für die Schla-Aker!“
Dann schritt er zurück in sein Zelt, nahm einen Kräftigen Schluck von dem güldenen Trank und seufzte.
Wie die Geschichte wohl weiterging, fragt Ihr? Nun, nur wenige Monde, nachdem Kleiner Strohhalm zum Anführer aller Krieger des Stammes erkoren wurde, hallte das Getrappel tausender Hufe über die Prärie, die sich dem Lager der Schla-Aker schnell näherten. Noch argwöhnten die Bewohner nichts und wiegten sich in der Sicherheit von Zorras Prophezeiung. Doch schon bald ertönte lautes Gebrüll aus der Richtung, in der jeden Tag die Sonne aufging:
„ADIADIADIADIOH…..“
Geschrieben von Arne
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