Zweifelhafte Sicherheit

Der Test der Stiftung Warentest hat ganz Deutschland aufgeschreckt: Die deutschen WM-Stadien sollen teils erhebliche Sicherheitsmängel aufweisen. Insbesondere seien die Arenen nicht auf Massenpaniken vorbereitet. Dabei stand Sicherheit doch so im Vordergrund der WM-Vorbereitungen.


Was ist eigentlich Sicherheit? Die WM-Organisatoren haben sich von Anfang an bemüht, die WM zu einem sicheren Spektakel zu machen. Wer als Freiwilliger in den Austragungsorten helfen möchte, wird vom BKA durchleuchtet, gleiches gilt für akkreditierte Journalisten. Eintrittskarten gibt es nur gegen Angabe der Personalausweisnummer, die Tickets werden zudem personalisiert und sollen nicht übertragbar sein. Sicherheit wird wahrlich groß geschrieben. Vielleicht werden all diese Vorkehrungen wirklich dafür sorgen, dass Gewalttäter und Terroristen keinen Zutritt zu den Stadien erhalten. Aber ist das wirklich schon Sicherheit?
 
Nein! Die – ich nenne es mal „äußere Sicherheit“ – ist durch rigide Maßnahmen vielleicht wirklich gewährleistet. Aber das schützt nicht vor Panik im Innern des Stadions. Ein Beobachter gewinnt schnell den Eindruck, es werde mehr Wert auf die Menschen gelegt, die ins Stadion wollen als auf die, die es letztlich geschafft haben, hinein zu kommen. Die sind ja durchleuchtet und somit harmlos und können folglich auch nichts anstellen. Ein Feuer entsteht aber schnell. Da bedarf es keiner zündelnden Chaoten, sondern ein Brand kann genau so gut in einer Küche des Catering-Dienstes oder an einem Wurststand ausbrechen. Und dann?
 
Wer schon einmal auf der Südtribüne stand und sich nach dem Spiel zum Blockausgang quetscht, der weiß, wie eng es selbst dann zugeht, wenn die Fans langsam und relativ gesittet aus dem Stadion strömen. Aber bei einer Panik? Da ist der Blick aufs freie, vielleicht rettende  Spielfeld gerichtet und dann soll man sich umdrehen und in einer drängelnden Menschentraube den Block verlassen? Auf einer versitzplatzten Süd könnte das sogar noch funktionieren. Aber in den Ecken sieht es ganz anders aus: Steile, recht schmale Treppen führen zu den Eingängen. Wenn Massen auf diese Stufen drängen, können die Aufgänge schnell zu Stolperfallen werden. Ein Schubser von oben und im Stadion ist Domino-Day – mit unabsehbaren Folgen.
 
Diese oder ähnliche Gefahren sind jedem bekannt, der schon einmal ein Stadion von innen gesehen hat: Hohe Mauern oder tiefe Gräben zwischen Zuschauern und Spielfeld, Zäune ohne Tore, enge Treppen, schmale Gänge oder gar dunkle Tunnels zu den Gästeblöcken sind ständige Begleiter in den Arenen der Republik. Seit dem Confed-Cup zittern die WM-Organisatoren vor Flitzern. Gräben, Zäune und Mauern sollen die Nackedeis vom Spielfeld fernhalten – und können im Falle einer Panik zur tödlichen Falle werden. Wenn die Stiftung Warentest nun aufzeigt, dass in unseren modernen und schicken Stadien nicht alles Gold ist, was so schön glänzt, dann ist das weder Frevel noch Geldmacherei und auch keine „typisch deutsche“ Miesmacherei. Natürlich muss die Frage gestattet sein, warum der Test so spät gemacht wurde und nicht etwa schon vor dem Confed-Cup. Die Art der Präsentation ließ doch einiges zu wünschen übrig. Dennoch zeigen die Tester deutlich auf, dass hier und da Handlungsbedarf besteht. Ganz nebenbei belegt der Test auch, wo bei der Organisation der WM die Schwerpunkte lagen: auf Terrorabwehr, Sicherheit vor Flitzern und Schutz vor Hooligans.
 
Viel erschreckender als die aufgezeigten Mängel sind aber die Reaktionen von offizieller Seite. Die Stiftung Warentest könne lediglich Hautcremes testen, polterte Franz Beckenbauer. Da schwingt eine gehörige Portion Arroganz und Selbstgefälligkeit mit. Wie wäre es zum Beispiel mit dieser Reaktion: „Oh, das ist interessant. Wir werden das prüfen und mit der FIFA gegebenenfalls über Lösungen beraten.“? Gut, beim Organisationskomitee weiß man wahrscheinlich, dass die FIFA ohnehin beratungsresistent ist. Aber wäre es nicht gerade beim Thema Sicherheit angebracht, den Fragen auf den Grund zu gehen anstatt beleidigt zurückzukeifen? Stattdessen wird auf die strengen Bauvorschriften und auf Sicherheitskonzepte verwiesen. Diese Konzepte sehen zum Teil vor, dass Menschen im Falle einer Flucht voller Angst nicht in Blickrichtung nach unten, sondern nach oben laufen sollen. Ob die Zuschauer das auch wirklich machen, werden wir hoffentlich nie erfahren müssen.
 


Geschrieben von Stefan