Meier – Eine Kölner Weihnachtgeschichte
Niebaum war fort. So wollen wir beginnen. Es war der Heilige Abend. Der ganze Kölner Himmel war weiß. Die Schneeflocken umwehten zu Tausenden den Kölner Dom um schließlich sanft auf der Erde ihre Reise zu beenden. Es war bitterkalt, so wie immer um diese Jahreszeit. Die Sonne war gerade untergegangen und die schlimmste Zeit des Tages für den Großteil der Menschen hatte gerade erst begonnen. Die glücklichen unter ihnen hatten für die Nacht ein Quartier im Armenhaus gefunden, doch die meisten hatten sich in Häuserecken und Nischen verzogen, immer in der Angst, dass die Kälte ihnen das Leben aus dem Körper ziehen könnte. Doch es gab auch Solche, die sich darum keine Gedanken machen mussten. Von Einem möchte ich meine Geschichte erzählen.Sein Name war Meier und er war im ganzen Land gefürchtet. Lief er an einem vorbei, wurde man von einem eisigen Wind erfasst, der durch Mark und Bein ging. Er war von hagerer Gestalt, hatte das Lächeln vor langer Zeit verlernt, hasste die Menschen und liebte das Geld. Er hortete es und nahm es nur für sich, gab nichts den Armen oder den Schwachen, obwohl er sich an jenen stets bereicherte. Meier versprach Ihnen ein besseres Leben, Erfolge, Titel und sie gaben ihm ihr Geld mit der Hoffnung im Herzen. Doch Meier dachte nicht daran den Armen zu helfen, er trickste und log, bis schließlich die armen Teufel vollkommen Bankrott waren. Dann strich er seine Provision ein und verschwand in eine fremde Stadt.
Gerade erst vor wenigen Tagen war er nach Köln gekommen. Der verzweifelte Vorsitzende des hiesigen Ballvereins hatte ihn angefleht, seine Dienste in Anspruch nehmen zu dürfen. Lange schon hatten sie nichts mehr zu feiern gehabt, obwohl sie sich doch zum Adel zählten. Meier schlug ein und erzählte von Toren, Triumphen und Titeln. Die Augen des Präsidenten wurden groß und größer, er übergab Meier die ganze Verantwortung der Geldgeschäfte und dieser lachte innerlich, denn sein Herz war aus Stein.
Meier spürte nichts, er hatte vor langer Zeit vergessen was Emotionen waren. Beim Verschwinden seines Ziehvaters Niebaum konnte er nicht weinen, denn es war wie eine fremde Sprache die er nicht beherrschte. Dabei hatte dieser ihm doch alles gelehrt was er wusste. Wie man Geld verwaltet, wie man abwirtschaftet und wie man Leute belügt. Am liebsten Sprach er von „Kommerz mit Herz“ und das klang wie ein Faustschlag ins Gesicht der Bedürftigen.
Als er an diesem Heiligen Abend die Tür seines Büros verschloss war er zufrieden mit sich. Wieder einmal war ein Tölpel auf seine Lügen hereingefallen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich genug bereichert hatte. Und so ging er hinaus in den Kölner Abend, umhüllt von der Kälte, die sein stetiger Begleiter war. Überall in der Stadt hatten die Leute ihre Häuser geschmückt und freuten sich auf das Weihnachtsfest. Selbst die Armen fühlten in dieser Nacht seit langer Zeit wieder Wärme, denn die Liebe in den Herzen ihrer Mitmenschen wärmte sie wie ein prasselndes Feuer. Nur Meier hasste das Weihnachtsfest. In dieser Zeit ging es zu harmonisch zu und die Menschen wollten nichts von Abschreibungsmodalitäten und Eigenkapital wissen. Doch dieses Jahr hatte er in Köln Glück gehabt.
Als Meier vor seinem Haus angekommen war, schauderte es ihn. Er, der die Kälte liebte, fühlte sich unwohl. Die Straße war menschenleer, die Stimmen und die Freude waren fort. Meier schaute sich um und sein Blick fiel auf den Türklopfer. Auf einmal fing dieser an sich zu verformen, bis ihn schließlich sein alter Mentor Niebaum anglotze. „Meeeeeeiiiiiieeeeer“, hallte es durch die Gassen und dieser stolperte zurück und fiel in den Schnee. Als Meier sich wieder aufrichtete und den Schnee vom rosa Sakko klopfte, blickte er ängstlich auf und Niebaum war fort. „Humbug“ grummelte Meier und trat durch die Tür.
Drinnen stieg er sofort die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf. Er war zu geizig das Licht anzuschalten und so tastete er sich langsam bis in sein Gemach vor. Oben angekommen, zündete er eine Kerze an und spähte in jeden Winkel des Raums, bis er schließlich beruhigt, da er nichts vorgefunden hatte, in seinen Ohrensessel fiel. „Humbug“ grantelte er abermals und schloss die Augen. Plötzlich fing es an fürchterlich zu poltern und zu trampeln. Meier sprang auf und sah von der Treppe einen hellen Lichtschein kommen. Verängstigt sprang er hinter den Sessel und spähte vorsichtig dahinter hervor. Und dann sah er ihn. Sein alter Ziehvater Niebaum schwebte da in gleißenden Licht und verschnürt mit dutzenden von Eisenketten.
„Meier,“ sprach er „komm vor, ich werde dir nichts tun. Ich will dich nur warnen.“
Meier folgte zögerlich der Anweisung und entgegnete: „Du bist nur eine Halluzination, ich muss etwas falsches gegessen haben.“ Das hätte er lieber nicht gesagt, denn Niebaum polterte erneut drauf los und schrie Meier nun an.
„Du Narr! Wach auf! Sieh mich an! Ich muss nun Ketten tragen, weil ich früher den Menschen so viel Leid gebracht habe. Ändere dich, oder auch du wirst diese Last tragen müssen!“
Meier war verwirrt: „Wieso Leid, du hast doch Unmengen an Geld verdient und kannst Stolz auf dich sein. Was redest du für seltsame Dinge daher?!“.
Niebaum schüttelte nur den Kopf und seine schweren Ketten taten es ihm gleich. „Du bist ein Narr, Meier. Es geht nicht immer nur um Geld! Heute Nacht werden dich drei Geister aufsuchen. Erwarte den ersten um Mitternacht!“, und mit diesen Worten zogen ihn die Ketten zurück in den Untergrund, von wo er gekommen war. Schlagartig lag das Schlafzimmer wieder in totaler Dunkelheit und alles war so, als ob nichts gewesen wäre. Nur Meier zitterte am ganzen Körper. Plötzlich richtete er sich auf, stammelte ein letztes Mal „Humbug“, legte sich in sein Bett und zog den Vorhang vor, jedoch nicht ohne abermals vorsichtig herauszuspähen.
Die Tauben auf dem Dom flogen in alle Himmelsrichtungen als beide Zeiger sich auf der 12 trafen. Laut und gleichmäßig begann die Turmuhr zu schlagen. Meier richtete sich in seinem Bett auf und war sofort hellwach. Er hielt die Luft an und zählte mit; zehn – DONG-; elf – DONG-; zwölf – DONG-. Und – nichts passierte. Er lachte in sich hinein: „Humbug“. Doch plötzlich war es in seinem Zimmer taghell. Meier hielt sich die Hand vor die Augen, denn das Licht brannte darin. Er konnte nichts erkennen, sekundenlang taumelte er wie trunken durch den Raum. Langsam erkannte er Umrisse, sah eine große Gestalt mit einem zotteligen Bart. „Wer bist du?“.
„Ich“, antwortete der Hüne, „ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht. Komm mit mir auf eine Reise.“ Immer noch konnte Meier wenig erkennen, doch es erschien ihm, als ob der Raum sich drehen würde, die Farben vermischten sich und alles wurde zu einem bunten Strom. Panisch schloss er die Augen.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen“, sprach der Riese und Meier begann zaghaft zu blinzeln. ‚Wo bin ich, was ist das hier?’. Meier hörte laute Stimmen, Gesänge und Freudenschreie. Er stand in einem Stadion. Auf den Rängen lagen sich Tausende schwarzgelb gekleidete Menschen in den Armen und schrieen ihr Glück in die Nacht hinaus. Auf dem Rasen hüpfte ein Kreis von Elf Männern im Kreis vor einem silbernen Pokal. „Ich weiß wo wir sind!“, jubelte Meier, „wir sind in München, hier habe ich den europäischen Titel mit Niebaum gewonnen. Aber wie kann das sein? Das ist fast zehn Jahre her?“
„Das ist die Vergangenheit, Meier. Du kannst alles sehen, doch dich sieht niemand“, antwortete der Geist.
„Wie schade, ich würde ihnen gerne ‚Hallo’ sagen. Alle waren doch so glücklich!“
„Nicht alle, schau doch mal darüber“, sagte der Riese ruhig und deutete auf einen Mann in braunem Mantel, der abseits über den Platz schritt. Meier näherte sich ihm und lachte den Riesen an. „Ja, den haben wir im Anschluss abgesägt. Schließlich haben doch Niebaum und ich triumphiert. Wir gaben ihm einen nutzlosen Job, um die Massen zu beruhigen.“
„Ja, das ist was ihr dem armen Mann angetan habt, selbst im größten Erfolg dachtet ihr nur an euch“, erwiderte der Riese und nahm Meier an die Hand. „Wir müssen weiter“.
Erneut verschwamm alles vor Meiers Augen, doch bald fand er sich abermals in einem Stadion wieder. Jedoch jubelten dieses Mal die Massen nicht, vielmehr war es gespenstisch still. Auf dem Rasen spielten die gelben Männer diesmal gegen welche aus dem Schwabenland. Überall waren die Menschen in sich gekehrt und wirkten fremdartig abwesend.
„Was ist mit denen?“, fragte Meier.
„Sie haben Angst“, antwortete der Riese, „du hast ihre Liebe in den Abgrund gewirtschaftet. Morgen fällt die Entscheidung ob es eine Rettung gibt. Du bist dafür verantwortlich!“
„Sie waren so töricht mir zu glauben, sie bekamen was sie verdienten.“
„Schau in ihre Gesichter!“, befahl der Riese.
Meier ging herum. Die Blicke waren leer. Er entdeckte ein Stück Stoff, auf dem ‚Meier Raus!’ stand. ‚Ich dachte ich hätte sie genug getäuscht’, dachte er. ‚ich wollte doch nur den maximalen Profit!’. Plötzlich sah er ein Mädchen. Sie hatte eine gelbe Mütze auf und hatte eine Träne im Auge. Meier trat näher heran und sah plötzlich, dass viele Menschen weinten. Auf einmal fühlte er ein kribbeln im Bauch.
„Geist! Warum zeigst du mir das? Ich will das nicht sehen!“ und Meier rannte los und hörte nicht mehr auf. Plötzlich stürzte er und ihm wurde schwarz vor Augen. Als er sie wieder öffnete, war er wieder in seinem Schlafzimmer; es war erst wenige Minuten nach 12. Der Geist war fort.
Wieder wurde Meier durch einen lauten Glockenschlag geweckt. „Na los, komm raus, zweiter Geist, ich warte!“. Wie aus dem nichts erschien diesmal eine junge Fee. „Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Folge mir!“
Meier öffnete die Augen und war auf einem weiten Feld. Vor ihm rannten junge Männer auf und ab. Einer von ihnen machte das besonders gut und alle bejubelten ihn.
„Wer ist das? Was ist mit ihm?“
„Das ist Little Lukas. Er ist besonders stark und alle hier lieben ihn.“, antwortete die Fee.
„Wie können sie ihn lieben? Wie geht das?“
„Das verstehst du nicht, du kannst das nicht fühlen. Für diese Menschen hier bedeutet Little Lukas und die anderen alles. Aber du wirst es ihnen wegnehmen, wenn du dich bereichert hast, genauso wie du es schon mal getan hast.“
Meier lief umher und blickte die Menschen an, die den Männern zuguckten. In ihren Augen sah man die Hoffnung. Sie redeten über ihn. Sprachen davon, dass es jetzt aufwärts gehen würde. Er sah auch den Präsidenten wieder, der lachend mit Leuten sprach und von seinem Erfolg erzählte
„Aber das ist doch alles Humbug, hier geht es doch nur ums Geld! Das ist was zählt! Das sind doch alles Narren“, sagte Meier und drehte sich zur Fee, doch diese war verschwunden und mit ihr alles und er stand wieder in seinem Zimmer.
Auch der letzte Geist kam mit dem Glockenschlag. Als Meier ihn erblickte wurde es in seinem Herzen noch kälter. Der Geist war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt und anstatt eines Gesichtes blickte Meier nur in die endlose Leere voller verlorener Seelen.
„Du bist der Geist der zukünftigen Weihnacht?!“, stammelte Meier. Doch der Geist antwortete nicht, sondern wies ihm stattdessen nur mit seinen knochigen Fingern den Weg.
Wieder war Meier auf einem Feld und wieder rannten Männer darauf umher, die jedoch dieses mal rote und blaue Farben trugen. Und erneut war unter ihnen einer, der besonders gut war, jedoch liebte ihn keiner. Er war nur einer von vielen.
„Wer ist das, Geist“, fragte Meier. Doch abermals blieb der Geist stumm.
„Wieso zeigst du mir das? Was soll ich hier?“
Meier ging ein paar Schritte auf die Männer zu. Er zweifelte, was ihm der Geist zeigen wollte. Doch plötzlich hielt er inne. Jetzt erkannte er den besonders Guten unter ihnen. Es war Little Lukas.
„Aber warum? Die Leute in Köln liebten ihn doch so?! Wie ist das passiert, antworte mir Geist!“
Der Geist deutete auf ein umher flatterndes Stück Papier. Meier fing es auf und begann zu lesen. Darauf stand in großen Buchstaben: ‚Meier treibt Köln in den Ruin, Little Lukas muss in den Süden – Attentäter weiter flüchtig’ Darunter war ein Bild von einem weinenden Mädchen mit rot-weißer Mütze
„Oh nein, Geist! Das kann nicht sein. Aber das ist doch die Zukunft, das muss nicht so sein! Ich werde mich ändern. Ich werde diesen Leuten ihren Traum nicht nehmen. Das verspreche ich dir! Dann verlässt mich der Präsident nicht, ja?“
Wieder deutete der Geist auf das Blatt, diesmal etwas tiefer, auf das kleiner geschriebene.
„Oh, nicht der Präsident? Wer ist dann der arme Teufel?“, fragte Meier und las:‚Wütende Massen lynchen Verantwortlichen für die Misere. Meier Beerdigung für übermorgen angesetzt.’
Meier lies das Blatt fallen und taumelte rückwärts. „Nein, das darf nicht sein, ich ändere mich.“ Er schrie den Geist an: „Das muss nicht sein, ich werde alles anders machen. Ich werde mich nicht an den Hoffnungen der Menschen bereichern. Bitte Geist, ich verspreche es!“
Wie von Sinnen riss er an den Gewändern des Geistes und schrie und weinte bitterlich. Schließlich brach Meier zusammen.
Als Meier wieder erwachte war es morgen. Er sprang aus dem Bett und riss das Fenster auf. Draußen schneite es und überall waren fröhliche Menschen unterwegs. Da sah Meier ein kleines Mädchen mit einer rot-weißen Mütze. „Sag Kind, welcher Tag ist heute?“
„Na der erste Weihnachtstag“, erwiderte das Mädchen verwundert.
„Aber natürlich! Danke mein Kind. Hast du denn schon ein Geschenk?“
„Nein, meine Eltern haben zu wenig Geld dafür“
„Na dann komm mal mit, meine Kleine“
Zusammen zogen sie durch die verschneiten Straßen Kölns und immer mehr Menschen, die Meier erkannten folgten ihm, bis sie schließlich vor dem Haus des Ballsportvereins ankamen. „So meine Lieben“, sagte Meier, „mir ist nun endlich die Bedeutung von Weihnachten bewusst geworden. Und ihr alle sollt etwas davon haben!“
Die armen Menschen waren froh und gespannt zugleich. Viele hatten weiß-rote Kleider an, obwohl sie arm waren und kein Haus über dem Kopf hatten.
„Es sind die Geschenke!“, jubelte Meier. „Jeder will an Weihnachten etwas verschenken. Ihr seid arm und tragt trotzdem rot-weiße Kleider. Und ihr alle liebt Little Lukas. Deswegen schenkt euch Teile von Little Lukas! Jeder kann ein Stück von ihm haben, denn ich verpfände ihn an euch! Gebt mir all euer Geld und Little Lukas gehört euch allen und geht nicht in den Süden.“
„Aber wir haben kein Geld.“, sagte zögerlich jemand aus der Menge.
„Dann verkauft eure Kleider“, schimpfte Meier, „es ist Weihnachten, verdammt. Denkt nicht immer nur an euch! Ich verstehe mein Handwerk, lasst mich nur machen!“
Und so folgten die Leute Meiers Willen und kaufte Anteile an Little Lukas. Und da Little Lukas bald nicht mehr reichte, verpfändete Meier auch gleich das Stadion, den Namen und die Seelen der Menschen. So hatte der Ballsportverein viel Geld und feierte viele Erfolge mit Little Lukas. Und Meier beschenkte die Menschen weiter mit Dingen, die sie unbedingt brauchten um ihre Liebe zu stillen.
Glücklich wanderte Meier durch die Kölner Gassen und sah frierende Menschen, die ohne Kleider auf der Straße saßen. ‚Gott sei Dank, habe ich gelernt, dass die Leute für ihren Verein alles machen und dessen Liebe sie wärmt’, dachte Meier und steuerte pfeifend auf den Laden des Büchsenmachers zu.
„Guter Mann, ich brauche eine Waffe, denn mir will man in der Zukunft ans Leben“, säuselte Meier. Euphorisch schritt er aus dem Laden in den Weihnachtsmorgen, spürte bei jedem Schritt das Gewicht der Waffe in seiner Tasche und pries die Geister der Weihnacht, die ihm so die Augen geöffnet hatten.
Geschrieben von Jan
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