Die Fandemo 2005
Letzten Mittwoch war es endlich soweit: Nach mehr als drei Jahren gingen wieder Fußballfans auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. 2002 war es das letzte Mal gewesen, danach waren die Proteste zwar nie abgerissen, aber auch nur selten mit der richtigen Intensität geführt worden.
Die Nachberichte zum Länderspiel in Slowenien und eine immer weiter um sich greifende, öffentliche Hysterie um Hooligans, Ultras, Hooltras und Sicherheit im Allgemeinen waren nur einige der Gründe, die Demo auf die Beine zu stellen. Über Pfingsten setzten sich mehrere Fans unterschiedlicher Vereine in Frankfurt zusammen und berieten gemeinsam, was nun zu tun sei. Am Ende stand fest, dass wir gemeinsam eine Demo ausrichten wollten, um wieder ein Zeichen zu setzen. Das Motto der Demo lautete „Fußballfans im Abseits!“, dazu sollte jede teilnehmende Fangruppe eigene T-Shirts in den Vereinsfarben erhalten, auf denen das zweite Motto „Getrennt bei den Farben – vereint in der Sache“ gedruckt war. Die Demo würde vor allem von den beteiligten Ultragruppen getragen werden, da sie es fast überall sind, die sich für diese Themen einsetzen und sich auch sonst fast überall als letzte aktive Gruppe hervortun und den Kern der jeweiligen „Szene“ stellen. Der Termin wurde ebenso schnell gefunden: Das Eröffnungsspiel des Confederation-Cups Deutschland gegen Australien würde genug Medien nach Frankfurt locken und schien daher auch für die Demo optimal gewählt. Sicherlich war der Termin mitten in der Woche nicht perfekt, trotzdem rechneten wir mit knapp 1.000 Teilnehmern.
Zunächst wurde vereinbart, den Demotermin und alles weitere nur intern weiterzugeben, um das ganze vernünftig zu organisieren und die Demo nicht schon im Vorhinein platzen zu lassen. Daran hielten sich auch eigentlich auch alle. Aus Dortmund waren 150 Teilnehmer erwartet worden, diese Zahl wurde auch erreicht. Zu einem Großteil handelte es sich dabei um Mitglieder von THE UNITY, dazu kamen aber auch eine Handvoll Desperados und Mitglieder der Solitude Borussen, La Famiglia Hagen, Ambassadors Dortmund, Chaos Boys Giessen und nicht organisierte Fans.
Nach einigem Chaos erreichten die beiden Busse aus Dortmund ihr Ziel und wir reihten uns in den Demozug ein. Ein kurzer Ausflug an die Spitze des Zuges zeigte, dass vor allem eins erreicht worden war: Wir machten einen reichlich bunten Eindruck. Vor uns Gelben liefen die blauen Rostocker (Suptras und Blau Weiß Dynamik), davor die grünen Hannoveraner (Ultras und Brigada Nord), davor die blauen Saarbrücker und die braunen St. Paulianer. Und so ging es über verschiedenste Farben weiter nach vorne, wo Frankfurts Fans in schwarzen T-Shirts die Spitze bildeten. Die größten Gruppen vor Ort waren logischerweise die Frankfurter, dazu noch Münchner, Stuttgarter, Karlsruher und wir Dortmunder.
Zu Beginn der Demo waren einige Journalisten zu entdecken, die auch fleißig Fragen stellten, auch zwei, drei Kamerateams waren vor Ort. Dafür war von der Polizei erfreulicherweise nur sehr wenig zu sehen. Einzig die bekannten Szenegänger in zivil, sowie einzelne Beamte in grün, die den Demozug begleiten sollten, waren auszumachen. Diese hielten sich aber wohltuend zurück, während sich die Demoteilnehmer umgekehrt an alle Absprachen hielten.
Leider war der Demozug von der Polizei und der Stadtverwaltung durch nahezu abgelegene Gebiete geleitet worden. So kam man nur selten in Verlegenheit, Flugblätter verteilen zu können. Einzig zu Beginn trafen wir auf viele Nationalmannschaftsanhänger, die größtenteils Verständnis für uns hatten und auch Bescheid wussten, worum es hier geht. Dass es auch die andere Spezies gibt, die sich darüber beklagte, dass sie wegen uns 20 Meter vor der Straßenbahnhaltestelle aussteigen muss, sollte nicht verschwiegen werden. Ist aber absolut die Ausnahme gewesen und eher zu vernachlässigen.
Der Demozug bewegte sich also friedlich durch die Stadt, dabei wurden immer wieder Parolen wie „Fußballfans sind keine Verbrecher!“ skandiert. Am Ende hatten wir noch einmal die volle Aufmerksamkeit für uns, als wir eine Straße mit Cafes durchquerten. Hier gab es zum Abschluss noch ein paar Worte von Henning Schwarz (Ultras Frankfurt 97 und Demoorganisator), bevor man auseinanderging und die Busse bestieg.
Eine kleine Anekdote: Die Bayern hatten in ihrem Bus etliche Paletten Weißbier und diese zum Teil auch an andere Gruppen verschenkt, als plötzlich zwei Nicht-Fußballfans erschienen und einfach zwei Paletten klauten. Die Polizei griff nicht ein, die beiden konnten unbehelligt von dannen ziehen, weil natürlich niemand auf dieser Demo Stress machen wollte. Trotzdem eine merkwürdige Situation, man stelle sich vor, Fußballfans hätten das Bier gestohlen...
Spannend war natürlich die Reaktion der veröffentlichten Meinung. Positiv hervorzuheben sind hier vor allem taz, Frankfurter Rundschau und die FAZ. Sie berichteten mehr als ausführlich über die Demonstration. Skandalös geradezu das Verhalten des öffentlich-rechtlichen Senders ARD. Da berichtet man knapp sechs Stunden über den Confed-Cup und erwähnt nicht mit einem einzigen Wort eine Demonstration von knapp 2.000 aktiven Fußballfans. Kommt man so seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag nach? Die ARD behält den fiesen Beigeschmack, dass sie 2001 die „Pro15:30“-Bewegung nur hofierte, um selbst in den Genuß der Übertragungsrechte für die Bundesliga zu kommen.
Die Dortmunder Presse nahm von der Demo nichts wahr und so wohl auch nur wenige Dortmunder Bürger. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit ein kleiner Lokaljournalist verwendete, um über 40 brennende Bengalfackeln beim A-Jugend-Spiel des BVB in Bielefeld zu berichten, kommt man zu dem Schluss, dass 40 angeblich randalierende Fans (der „Journalist“ war nicht mal vor Ort) offensichtlich das größere Ereignis sind als 2.000 friedlich demonstrierende Fußballfans in Frankfurt, wo immerhin 150 Dortmunder vor Ort waren.
Hier noch ein paar Stimmen einzelner Teilnehmer:
Ultras Essen:
„Auch wir können uns dem Lob an die Organisatoren nur anschließen. Eine gelungene Aktion, wollen wir alle mal hoffen, dass es zumindest ein wenig fruchtet.
Der einzige Kritikpunkt wäre evtl. die Streckenführung, da sie m.M.n. zu sehr durch unbewohntes bzw. unbevölkertes Gebiet ging. Was möglich ist, wenn Leute an der Strecke stehen, hat man ja auf dem letzten Abschnitt gesehen. Allerdings dürfte die Streckenführung wohl eher die Schuld der Polizei gewesen sein, es wurde ja auch schon so ein wenig Verkehrschaos erzeugt.“
Köln // David Barr (22) Wilde Horde
„Nach Bedenken im Vorfeld hatte man zu Anfang der Fandemo direkt das Gefühl, dass Solidarität herrschte und es an diesem Tag ruhig bleiben würde und kein Ärger untereinander entstehen würde. Selbst die Medienpräsenz und Berichterstattung war doch positiv, was nicht immer der Fall bei solchen Aktionen war. Alles in allem sehr gelungene Sache auf die sich sicher aufbauen lässt. Besonders zu erwähnen ist, dass normal (sehr) stark rivalisierende Fangruppen für eine Sache zusammen hielten."
Philipp Markhardt, Chosen Few Hamburg (HSV):
„Ich denke, wir haben uns eindrucksvoll zurückgemeldet und positive Akzente für die gemeinsame Sache gesetzt. Die bisherigen Reaktionen sind als positiv zu bewerten. Abzuwarten bleibt, ob sich die angesprochenen Herrschaften nun mit uns an einen Tisch setzen oder weiterhin stur bleiben.“
Andreas Tittel, Suptras Rostock:
„Die Demo ist vorerst ein Erfolg gewesen, es wurde deutlich, dass die deutschen Fans dazu gelernt haben. Für eine kurzfristig anberaumte Demo unter der Woche war die Teilnehmerzahl erfreulich hoch. Und das wichtigste: Alles blieb ruhig und selbst die Polizei hat nichts an der Demo bzw. deren Verlauf auszusetzen gehabt. Wichtig ist jetzt, dass kein Stillstand entsteht. Es müssen weiter Zeichen gesetzt werden, Rostock ist dabei!“
Fabian, „Szene E“, Reutlingen
„Wir waren mit 15 Leuten angereist und ziehen ebenfalls ein weitesgehend
positives Fazit. Inwieweit wir uns bei den angesprochenen weiteren Aktionen im
Stadion beteiligen können, werden wir noch schauen. (z.B.
Blocksperre wäre bei ner OL-Partie mit u1500 Zuschauern nicht sehr
sinnvoll bzw. Medienwirksam).
Aber da sogar wir als weitgehend friedliche Szene regelmäßig mit
Polizei"Terror" zu kämpfen haben, wollen wir weiter am Ball bleiben.“
Tim, Blaue Bomber, Stuttgarter Kickers:
„Wie wahrscheinlich alle anwesenden Szenen loben auch wir aus Stuttgart sehr den Verlauf, die Organisation und auch das Verhalten der Polizei. Speziell bei uns muss man sagen, dass es noch nie ein großes Interesse an solchen Aktionen gab (So meinte ein führendes Mitglied der aktiven Szenen auf die Frage, ob er mit zur Demo wolle: "Was geht uns das an?") und es von daher schon ein großer Erfolg war, überhaupt mit 5 Leuten aufzutauchen. Ganz klar muss man aber sagen, dass es derzeit viele Fragen aus der Szene rund um die Demo gibt und das Interesse gestiegen ist - und somit kann man auch ganz spezifisch aus Stuttgarter Sicht von einem großen Erfolg sprechen!
Basti, Ultras Düsseldorf:
„Positiv war sicher die Organisation, das Verhalten aller Beteiligten, die Zurückhaltung der Polizei (so sollte es auch bei den Spielen sein) und auch die Resonanz für einen Mittwoch war recht ordentlich.
Negativ war, dass immer noch viele Szenen sich gänzlich nicht beteiligten (Lautern, Nürnberg, Mainz, Trier, Offenbach, Erfurt, Duisburg, Bochum, Bielefeld wären z. B. alle innerhalb von 2 Std. da gewesen. Szenen wie 60 und Dresden sind zudem sehr wichtig), Einzelpersonen, die Zines, CDs an den Mann bringen wollten, waren mehr als überflüssig. Und Demoteilnehmer, die irgendwelche Deutschland-Fans nach Karten fürs Spiel fragen gehen gar nicht. Das Medienecho ist leider sehr bescheiden - ARD hätte in der Livesendung was bringen müssen - ein Skandal.
Unser Fazit: ein guter Anfang, der unserer Sache dient - mehr allerdings nicht – es muss weiter gehen und dass vor allem da wo es was bringt (Stichwort Öffentlichkeit - Beschwerden von Sponsoren, VIPs usw. über fehlende Stimmung durch Stimmungsboykotts oder durch Blocksperren mit entsprechenden Transpis halte ich für ein probates Mittel - der Geldhahn ist allen Vereinen sehr wichtig - so bekommt man sie). Vor der WM muss unbedingt eine weitere Großdemo folgen, die von unserer Seite noch professioneller aufgezogen werden muss - Stichworte: längere Organisationszeit, ALLE Szenen müssen informiert werden, so dass keiner "beleidigt" ist und lieber gar nicht kommt, es muss ein Konsenz mit dem Osten her, es müssen mehr Flugblätter gedruckt werden, die Demo muss an einem Wochenende sein, an einem Termin der für viele machbar und interessant ist (ev. Pokalfinale 2006)“
Matthias, Natural Born Ultras Freiburg:
„Aus unserer Sicht war die Fandemo für Gesamt (West-)Deutschland eine große Chance gg. die Missstände im Fußball-Fanbereich aufmerksam zu machen, was auch ganz gut funktionierte. Rivalisierende Fangruppen liefen nebeneinander her, um gemeinsam für eine Sache, an einem Strang zu ziehen. Es verlief alles friedlich und alles hat im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert. Wenn man bedenkt, wie kurzfristig diese Aktion gestartet wurde und wenn man bedenkt, dass es ein Mittwoch war und trotz allem fast 2000 Personen im Demozug mitmarschiert sind, kann man sich schon auf zukünftige Aktionen freuen.
Auch das Feedback in den Medien war ganz OK. Wird es uns bei Folgeaktionen gelingen noch mehr Medienpräsenz zu bekommen, müssen auch die Politik, DFB/DFL usw... umdenken und die Sache wird zum Erfolg.
Links zum Thema:
www.fandemo.de
http://www.schwatzgelb.de
Geschrieben von Jens
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