Von Poetischen Managern, Möchtegernmeistern und einem blauen IkarusDERBYEINSTIMMUNG

Wir schreiben den 13. März 2005. Die Borussia verliert mit äußert schwacher Leistung gegen den zeitweise in Unterzahl spielenden VfB Stuttgart und für den darauf folgenden Montag ist in Düsseldorf die Versammlung anberaumt, auf der die Molsiris-Eigner über die Zukunft des BVB entscheiden sollen. Eine Zukunft, die an diesem Sonntag so düster wie selten zuvor erscheint, und passend zur schwarzgelben Gemütslage erobert ausgerechnet der unselige FC Meineid mit einem 1:0-Sieg gegen Bayern die Tabellenführung in der Bundesliga. In Deutschlands Elendsgebiet wähnt man sich schon als Deutscher Meister - viel unterschiedlicher können Fanbefindlichkeiten an einem Tag kaum sein. Heute, zwei Monate später, sieht die Welt schon wieder anders aus. Frohlockendes Fazit aus acht Wochen: Die Blauen haben sich schon wieder zu früh gefreut!


Es hätte doch so schön werden können für die Schlacker und sie begannen auch schon wieder damit, sich ihrem so eigenen Größenwahn hinzugeben: In einem belebten Internetforum des FC Meineid, wo die versammelte Userschaft an besagtem Montag vergeblich darauf gehofft hatte, dass das Dortmunder Sanierungskonzept von den Molsiris-Eignern abgelehnt würde, kommentierte ein immerhin des Schreibens mächtiger Blauer die Geschehnisse bei der Borussia süffisant damit, dass wir Schwatzgelben nach dem Höhenflug nun umso härter landen würden. Unklar blieb lediglich, ob ihm die Ironie seiner Zeilen im Hinblick auf die aktuellen Großwahnpläne seines Vereins wohl bewusst gewesen ist? Wohl eher nicht, aber wir dürfen gespannt sein, wann denn wohl der blaue Ikarus feststellen wird, dass Wachs und Sonne sich nicht so gut vertragen.

In Herne-West zumindest scheinen sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben, der Borussia nachzueifern. Nachdem sie es schon vergeblich versucht haben, uns in Sachen Stadion zu überflügeln, kopieren sie nun offenbar das zweifelhafte Geschäftsprinzip der Herren Niebaum und Meier: „Was nix kostet, is auch nix.“ Mit einem kleinen Unterschied: Die meisten der neu unter Vertrag genommenen Söldner, die an die Emscher wechselten, waren ablösefrei. Das freut den Durchschnittsblauen und er lässt kaum eine Gelegenheit aus, dafür seinem Götzen St. Rudi zu huldigen. Dass aber ablösefreie Spieler nicht gleichzeitig auch gehaltslose Spieler bedeuten, scheint man zu vergessen. Was soll man aber auch erwarten in einer Stadt, in der Zahlen einzig zur Bildung des Vereinsnamens, mitnichten aber zum Zählen oder gar Rechnen Anwendung finden?

Zurück zum „Dortmunder Modell“, mit dessen Hilfe Stumpen-Rudi endlich die Meisterschaft in den Vogelkäfig holen will. Uns Borussen drängen sich frappierende Parallelen auf: Spieler, die mit Geld so lange zugeschmissen werden, bis sie entnervt unterschreiben, kennen wir zur Genüge. Ihren Grad der Identifikation mit dem Verein aber auch. Nicht so natürlich in Gelsenkirchen. Da sind selbstredend alle Spieler tief in ihrem Herzen schon immer blauweiß gewesen. Dieser Gedanke mag sich zwar in der Tat aufdrängen, wenn man sich die Qualität der Interviews von Altintop und Co. zu Gemüte führt, und es verwundert nicht, dass ausgerechnet Kevin Kuranyi der nächste gehandelte Name in Herne-West ist. Warum aber beispielsweise Ailton trotz sportlichem Erfolg offenbar nur davon träumt, diese Stadt schnellstmöglich wieder verlassen zu können, das erklärt es nicht. Braucht es auch nicht, denn wir kennen die Antwort ja.

Dummerweise (für S05) bleiben die Erfolge der Brechstangenbemühungen jedenfalls erneut aus und es vergeht wieder ein Jahr ohne blauweißen Meistertitel. Die 50-Jahrsfeier rückt also unaufhaltsam näher und da ist es auch kein Wunder, wenn die Nerven einmal blank liegen. So beispielsweise bei der Feststellung, dass es den Knappen zumindest in punkto Finanzen endgültig gelungen ist, mit Borussia auf Augenhöhe zu gelangen. Eine Erkenntnis, die am Berger Feld so dann auch wieder niemandem recht ist. Als Karlheinz Küting, Professor am Institut für Wirtschaftsprüfung (IWP) der Universität des Saarlandes, einen Blick in die blauen - oder besser roten - Bilanzen der Schlacker geworfen hatte, kam er zu der Erkenntnis, dass man am Ernst-Kuzorra-Weg noch schlimmer dran sei als beim BVB. Das saß und solch eine Frechheit wollte sich gerade Asselfürst Rudi nicht gefallen lassen. Wie konnte jemand ernsthaft die Dreistigkeit besitzen und tatsächlich in die beinahe zur geheimen Verschlusssache erklärten Bilanzen blicken? Noch dazu jemand, der Ahnung von der Materie hat? In seiner unnachahmlich eloquenten Art kommentierte Zigarren-Rudolf des Professors Analyse dann auch wie folgt: „Der gehört eigentlich standrechtlich erschossen.“
Das ist fein, das ist einprägsam, so etwas erfreut die Schlacker Seele - und offenbart zugleich Analogien zu einer Zeit, die nach wie vor als erfolgreichste der Vereinsgeschichte gefeiert wird.
Sie versuchen anscheinend wirklich alles, um doch noch einmal Erfolge feiern zu können und machen dabei nicht einmal Halt vor den eigenen Prinzipien. Noch vor geraumer Zeit hatte der Zigarrenmann in Bezug auf die zahlreichen Stadionumbenennungen verkündet, dergleichen würde in Gelsenkirchen nie passieren. Nie würde er zulassen, dass ein Sponsor sich des Arena-Namens bemächtigt und die Turnhalle nach einem seelenlosen Produkt benannt würde. Schließlich bräuchten die Fans ein Stück Identifikation und die wäre nicht möglich, wenn der Stadionname nur solange Bestand habe wie die Werbeverträge. Dass man niemals nie sagen sollte, ist jedoch allgemein bekannt und auch Rudi müsste die Lektion nun endlich gelernt haben. Das Geschwätz von gestern stört ihn jedenfalls nicht und doch scheint den Blauen ihr vollmundiges Gerede mittlerweile peinlich zu sein: Besagte Zitate waren neulich noch auf der Homepage der Schlacker Arena zu lesen, mit Unterzeichnung der Veltinsverträge waren sie dann jedoch verschwunden.

Doch Rudi ist nicht der einzige, der seine Aussagen mittlerweile bitter bereuen dürfte. Auch Präsident Schnusenberg dürfte heute nicht mehr ganz so glücklich finden, dass er den Verkauf der Rechte am Stadionnamen beinahe kategorisch ausgeschlossen hatte. Nur wenn es knüppeldick käme, so Schnusenberg in der Westfälischen Rundschau, käme das in Betracht. Wobei er damit nicht einmal gelogen hat, denn schlimmer kann es gar nicht mehr kommen! Guck Euch die Stadt mal an! Oder lasst es besser sein. Dergleichen hat nämlich schon eine Delegation des Elektronikriesen Samsung unternommen, der ursprünglich in Erwägung gezogen hatte, Geld in den Arena-Namen zu pumpen. Doch während eines Spiels in der Halle wurde dem Delegationsleiter urplötzlich übel - wer kann es ihm verdenken?

Blauweiß jedenfalls hat sich nun ein neues Ziel zurecht gelegt. Nachdem die Meisterschaft nun recht knapp verloren ging, soll Rudis Resterampe in Berlin wenigstens den DFB-Pokal gewinnen. Assauer braucht was zum kaputt machen. Wenn das aber genauso gut klappt wie mit dem Meistertitel, können wir Schwatzgelben uns genüsslich zurücklehnen und auf dieses Finale freuen. Mehr noch aber auf die danach folgenden Ausreden der blauweißen Arbeitskollegen, die alsbald sicher erklären würden, dass die Tabellenposition vor der Borussia ohnehin viel wichtiger sei als irgendwelche Titel, und die Saison folglich auch so unglaublich erfolgreich verlaufen sei.

In der nächsten Spielzeit werden sie dann aber bestimmt Meister in Gelsenkirchen. Zumindest wird Castro Assauer dies seinem Volk suggerieren, die Zigarre lässig im Mundwinkel: „Venceremos - wir werden siegen!“ Der fidele Rudi macht das schon.

Höchstselbst kommentierte der Zigarrenmann im Januar auch die Hoyzer-Affäre in gewohnt poetischer Manier:

„Wenn der Schnee geschmolzen ist, sieht man die Kacke!“.

Dann hat man es in Gelsenkirchen leicht: Dort schneit es eher selten.

Geschrieben von Arne