„Die Mannschaft ist sauer auf euch!“

Mit einer teils indiskutablen Leistung unterlag Borussia Dortmund am gestrigen Samstag gegen die Berliner Hertha. Der BVB fing sich 6 (in Worten: sechs) Gegentore gegen die stark Ersatz geschwächte Berliner Mannschaft und verhalf den zuvor völlig verunsicherten Hauptstädtern aus der Krise. Für die Borussia wird es nun wahrscheinlich unmöglich aus eigener Kraft sich für den UEFA-Pokal direkt zu qualifizieren, während die Hertha extrem wichtige Punkte gegen den Abstieg holte.


Vor dem Spiel gab es wie gewohnt die leeren Versprechungen. Michael Zorc betonte noch einmal die extreme Wichtigkeit des Spiels für die zukünftige Saison aber auch für die Zukunft des Vereins. Pech nur, dass er das dem Premiere-Reporter sagte und nicht denen, die es eigentlich betrifft – den Herren Profis. Sammer verzichtete, warum auch immer, auf Ewerthon und brachte wieder Tomas Rosicky, dem wohl kaum noch ein Schwatzgelber nach der Saison eine Träne hinterher weinen wird. Rosicky konnte, wie so oft, keine Akzente setzen und schaffte es wieder nicht, seine erste Torvorbereitung der Saison zu markieren, soviel sei vorweg genommen.

Bei der Hertha waren wieder Fredi Bobic und Arne Friedrich mit von der Partie, außerdem spielte auf links der junge Däne Cagara, gegen den Evanilson keine Sonne sehen sollte. Die Berliner spielten also mit der exakt gleichen Elf wie bei dem 3:0 Heimsieg gegen Kaiserslautern vor zwei Wochen. Und genauso wie sie personell gleich aufliefen agierten die Herthaner auch in der Anfangsphase. Denn obwohl die Borussia optisch überlegen schien, machten die Hauptstädter das Tor. Marcelinho schoss scharf einen Freistoss von halbrechts aufs Tor, den Warmuz im Stile eines Volleyballspielers Kehl an den Fuß klatschte, wovon der Ball über die Linie trudelte (7. Minute). Klasse, wenn man einen verunsicherten Gegner hat, der sich auch noch schwer tut selbst Tore zu erzielen, nimmt man es ihm einfach kurzerhand ab. Aufbauhilfe-Ost sozusagen.
In der Folgezeit übernahm der BVB weiterhin das Spielgeschehen, ohne allerdings sich irgendwelche Chancen herauszuspielen. Immer wieder wurde der Ball vor dem Strafraum hin- und hergeschoben ohne einfach mal den Abschluss zu suchen. Rosicky und Frings schienen sich selbst im Weg zu stehen und über die Außen kam ohnehin nichts. Für die Hertha Abwehr war es daher ein leichtes, sich auf die extrem durchschaubaren Angriffe der Borussen einzustellen. Wohlgemerkt wurden gegen diese Abwehr schon 55(!) Treffer erzielt.

Doch weiter ging das flotte Spielchen unter dem Motto: „Jeder Schuss ein Treffer“. Frings, heute ein Totalausfall, klärte, wenn man dieses Schüsschen überhaupt so nennen kann, genau in die Füße von Marcelinho, der vollkommen alleine nach links zog, anvisierte und das 2:0 markierte (19. Minute). So einfach ist Fußball. Nach einer halben Stunde dann endlich die erste Chance für den BVB, doch Fiedler konnte den Kopfball von Koller klären. Viele dachten, die Mannschaft hätte nun erkannt, dass Berlin über die Außen anfällig ist, doch es wurde weiter das pomadige Spiel durch die Mitte favorisiert. Versteh das einer.

Folglich kam was kommen musste. Jensen war wohl gerade beim Ölbohren, als Wichniarek im Fallen eine Flanke vors BVB-Tor zog, die Warmuz wieder schlecht aussehen ließ. Der Franzose „entschärfte“ den Ball direkt vor Fredi Bobics Füße, der mit einem unnötigen Seitfallzieher der Marke „HAHA“ das 3:0 erzielte (37. Minute). Nun herrschte vollkommene Stille im Borussen-Block. Vor dem dritten Tor war die Stimmung unter Berücksichtigung des Support-ungeigneten Berliner Blocks noch annehmbar gewesen, doch nun hatte der Großteil endgültig die Lust verloren. Für völliges Unverständnisse sorgten dann noch die „Werder, Werder“ Rufe einer Gruppe BVB-Fans im Block, nach dem 3:0 für die Bremer in München. Hallo? Euer Verein liegt mit ebenso vielen Toren hinten und ihr feiert? Da kann irgendwas nicht stimmen.

 Zur Halbzeit schlichen die Spieler mit hängenden Köpfen in die Kabine ohne die Courgage zu haben einmal den Kopf zu heben und den enttäuschten Anhängern in die Augen zu sehen. Einsame Klasse, ihr Herren Profis!
Zur zweiten Hälfte kam nun endlich Ewerthon, der den völlig ungefährlichen Sturm noch einmal beleben sollte. Nicht zufällig war es auch genau der angesprochene Brasilianer, der wieder für leise Hoffnung im Borussen-Block sorgte. Gambino, der einzige der heute annähernd Normalform zeigte, hatte klasse Ewerthon bedient und der überrannte kurzerhand Simunic und schob zum 3:1 ein (52. Minute). Noch waren knapp 40 Minuten zu spielen, noch war es möglich, doch es kam alles anders. Hertha, wohlgemerkt 15. vor dem Spiel, schaltete einfach einen Gang höher und schon brannte es wieder lichterloh in der vollkommen indisponierten Abwehr der Borussia. Bobic, mit einer klasse direkt Abnahme, und Marcelinho mit einem Pfostenschuss, erstickten die aufkommende Hoffnung im BVB-Lager postwendend.

Nicht überraschend fiel dann nach einer knappen Stunde das 4:1 für die Hertha. Evanilson, heute vollkommen von der Rolle, ließ Wichniarek gewähren und rannte dem Berliner nur halbherzig hinterher, der kein Problem hatte und diesmal Warmuz keine Chance ließ (57. Minute) Unfassbar, wie sich die Abwehr in dieser Situation präsentierte. Spätestens jetzt hätte Sammer reagieren und den überforderten Evanilson auswechseln müssen, doch er tat nichts. Vielleicht lag es ja am neuen, chicen Outfit, doch die Wechselspiele des BVB-Trainers sorgten wieder einmal für Kopfschütteln.  
Es schien nun, als hätte sich Borussia aufgegeben. Nur Ewerthon konnte mit einem Pfostenschuss noch einmal für Gefahr sorgen. Der BVB schaffte es einfach nicht, gefährlich vors Tor zu kommen – ein Armutszeugnis. Sammer wechselte endlich in der 77. Minute und brachte Ricken für Reuter. Viel zu spät in meinen Augen. Nach 80 Minuten konnten sich die mitgereisten Borussenfans über Ergebniskorrektur durch Ewerthon „freuen“, der mit diesem erneuten Tor wieder demonstrierte, dass er hätte von Beginn an spielen sollen. Mehr zufällig konnte der Brasilianer den Ball über die Linie stochern, doch diese Szene demonstrierte auch eindrucksvoll die vorhandenen Schwächen in der Berliner Abwehr.

Auf einmal sah Mathias Sammer eine Chance und wechselte erneut. Rosicky ging vom Platz und Odonkor kam. Nun war nur noch Madouni als Absicherung auf dem Platz. Der BVB holte die Brechstange heraus, ohne wirklich Chancen zu bekommen, und es geschah das Erwartete. Hertha konterte zweimal und schoss noch zwei weitere Tore durch Neuendorf und Rafael (86.+92. Minute). Eine Demontage und Demütigung durch einen Fast-Absteiger fand endlich nach 92 Minuten mit dem erlösenden Schlusspfiff durch Schiedsrichter Fandel ein Ende, der nur zwei(!) gelbe Karten zeigen musste. Schon bedenklich, wenn es für beide Mannschaften um alles geht. 
Doch vorbei war das Spiel noch lange nicht. Unter gellenden Pfiffen und Unmutsäußerungen schlichen die ersten Spieler in die Kabine ohne auch nur einmal in den Block zu gucken. Ein paar Idioten konnten nicht anders ihre Wut ausdrücken und warfen ein paar Bierbecher und Feuerzeuge. Vollkommen dämlich und der vollkommen falsche Weg, denn dadurch gebt ihr die werft den Spielern natürlich ein Alibi um nicht an den Block zu kommen. Nur ein paar Spieler um Dede und Kehl kamen wenigstens in die Nähe des Schwarzgelben Blocks, waren aber auch sofort verschwunden. Nur Gambino nahm sich die Zeit sich bei den mitgereisten Fans zu bedanken, bekam aber auch die gerechtfertigte Wut zu spüren.

Einige der BVB-Fans verharrten noch bis lange nach dem Spiel auf ihren Plätzen um die Mannschaft beim Auslaufen zur Rede zu stellen. Einzig Kehl und Reuter bequemten sich den Dialog zu suchen, hatten aber nichts besseres zu sagen, als das die Mannschaft auf die Fans sauer wäre wegen der angesprochenen Würfe mit Bechern und Feuerzeugen. Schön dass die Spieler nichts besseres zu tun hatten, als ihre eigene Nicht-Leistung mit der Aktion ein paar Dummer zu überdecken.  


Fazit:
Ein absoluter Rückfall in alte, bereits überwunden geglaubte Zeiten. Anders als beim Auswärtsspiel in Leverkusen, nach dem man noch die schlechte Leistung mit der starken Leistung der Gastgeber überdecken konnte, gilt diese Ausrede nun nicht mehr. Rosicky und Frings zusammen geht nicht, das konnte man wieder sehen. Ob auch Herr Sammer das gesehen hat ist fraglich. Kopflos, planlos, emotionslos: so könnte man die „Leistung“ während und nach dem Spiel charakterisieren. Anstatt sich für die schlechte Leistung zu entschuldigen, wird der schwarze Peter weitergereicht. Bestimmt beginnt gleich Montag wieder das Sprücheklopfen, wie es gegen Mönchengladbach besser werden wird. Doch wie war das noch? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht? Wie schön, wenn es nur einmal gewesen wäre.


Statistik
Borussia Dortmund: Warmuz (5,5)- Evanilson (6), S. Reuter (5), Madouni (5,5), Jensen (5,5) - Kehl (4)- Frings (5), Dede (4,4) - Rosicky (5) - Gambino (3,5), Koller (5) - Trainer: Sammer

Hertha BSC: Fiedler - A. Friedrich, Madlung, Simunic, Cagara - Dardai, Schmidt - Pinto, Marcelinho - Bobic, Wichniarek - Trainer: Meyer

Tore: 1:0 Kehl (7.), 2:0 Marcelinho (19.), 3:0 Bobic (37.), 3:1 Ewerthon (52.), 4:1 Wichniarek (57.), 4:2 Ewerthon (80.), 5:2 Neuendorf (86.), 6:2 Rafael (92.)

Eingewechselt: 65. Goor für Wichniarek, 79. Neuendorf für Marcelinho, 87. Rafael für Bobic - 46. Ewerthon für Jensen, 77. Ricken für S. Reuter, 81. Odonkor für Rosicky

Schiedsrichter: Fandel, lag immer richtig; gute Leistung.

Zuschauer: 56307

Gelbe Karten: Rafael - Dede  
 
 
 
 

Geschrieben von Jan