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Eua Senf - 08.08.2017

Die Spirale der Ignoranz

Während des Pokalfinales in Berlin.Während der zweiten Hälfte des diesjährigen Finales um den DFB-Pokal kam es zu beindruckenden Szenen, als Hundertschaften der Polizei in Kampfausrüstung den Innenraum des Berliner Olympiastadions im Laufschritt betraten, um sich vor den Blöcken der BVB-Fans aufzubauen. Nachdem in den Blöcken G, H, K und J mehrfach Bengalos gezündet worden waren, entschied man sich auf Seiten der Polizei zu diesem Schritt.

Pyrotechnik im Fußballstadion beschäftigt Fans, Vereine und den DFB sowie die Deutsche Fußball Liga (DFL) seit langen Jahren. Während es in den 90er-Jahren noch zum Fußball gehörte und insbesondere von den Medien als Ausdruck wunderbarer südländischer Stimmung gefeiert wurde, wird der Einsatz von Bengalos nunmehr diskreditiert und mitunter als kriegsähnlicher Zustand in deutschen Stadien beschrieben, der insbesondere Frauen und Kinder in Gefahr bringe.

Vor einigen Jahren gab es den Versuch eines Dialogs, indem Verband und Fangruppen über die Möglichkeit von Pilotprojekten zum (kontrollierten) Einsatz von Pyrotechnik im Stadion diskutieren wollten. Es schien, als seien diese Gespräche ergebnisoffen. Jedoch wurden die Gespräche Ende 2011 abrupt via Pressemeldung durch DFB und DFL beendet. Während die (am Dialog beteiligten) Fangruppen der Vereine daraufhin mit Unverständnis und vermehrtem Einsatz von Pyrotechnik reagierten, gaben DFB und DFL die Null-Toleranz-Politik als neue Zielrichtung aus. Auf Seiten des Verbands bestand sicherlich die Hoffnung, das Thema mit Strafen beenden und Pyrotechnik aus dem Stadion verbannen zu können. Daraufhin wurden Vereine mit Strafzahlungen, Zuschauerausschlüssen und Fans mit Stadionverboten malträtiert.

Diskussionen rund um dieses Thema werden meistens emotional geführt. Zwar werden Argumente ausgetauscht, die Standpunkte bleiben jedoch zementiert. Aus objektiver Sicht muss man aber festhalten, dass der Einsatz von Pyrotechnik im Stadion – aus Sicherheitsgründen – aktuell verboten ist. Die Verfechter von Pyrotechnik lassen es sich dennoch nicht nehmen, eben diese im Stadion einzusetzen. Begründet wird dies beispielsweise damit, dass dies inzwischen auch zur Fankultur in Deutschland gehöre und früher flächendeckend verwendet und geduldet bzw. gefeiert wurde.

Gleichwohl ist aber auch festzuhalten, dass die vom DFB verhängten Strafen keineswegs zu einer Verbesserung der Situation geführt haben, sondern diese im wahrsten Sinne des Wortes eher anheizten. Nachdem sowohl die Frankfurter Eintracht als auch Borussia Dortmund schon mehrfach Geldstrafen und mindestens einen Teilausschluss zu verkraften hatten, war bereits im Vorfeld der Verkündung klar, dass die Strafe für den Einsatz beim Pokalfinale erneut empfindlich ausfallen dürfte. Neben der üblichen Geldstrafe verfügte der DFB, dass erneutes Fehlverhalten zu einem Ausschluss von BVB-Fans bei einem Auswärtsspiel führen soll. Außerdem will der DFB erwirken, dass Choreographien, Fahnen und Spruchbänder künftig vom BVB freigegeben werden müssen, was einer Zensur bzw. einem Versuch eben dieser gleichkommt. Die Frage ist, weshalb man von Verbandsseite an der aktuellen Praxis festhält und statt auf Dialog weiterhin auf Konfrontationskurs setzt.

Der DFB sitzt am längeren Hebel und wird im Zweifel mit immer drakonischeren Strafen agieren. Dem Verband springen dabei häufig Vertreter von Polizeigewerkschaften oder Politiker zur Seite, welche die Zustände in Bundesligastadien dramatisieren und immer mal wieder die Verbannung von Stehplätzen oder ähnlich geartete „Verbesserungsvorschläge“ in den Raum stellen. Amüsant war dies insbesondere im Zusammenhang des Relegationsspiels der Sechziger aus München, bei dem Teile von Sitzplätzen auf das Spielfeld geworfen wurden. Zuletzt hat sich Boris Pistorius mit einem Gesprächsangebot an Fußballfans gerichtet. Pistorius hat dabei nicht nur klare Vorstellungen über die zu besprechenden Themen geäußert oder festgelegt, welche Personen mit ihm diskutieren sollten, sondern sich nicht zuletzt durch seine Entscheidungen als niedersächsischer Innenminister als deeskalierender Gesprächspartner diskreditiert. In diesem Zusammenhang war die Absage von ProFans Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Wolfsburg nicht wirklich überraschend. Sie zeigt aber gleichwohl das Dilemma auf, indem sich die Fans auf der einen und der Verband und die Politik auf der anderen Seite befinden.

Beide Seiten haben sich in eine Situation manövriert, bei der auch das eigene Verhalten überdacht werden sollte. Pyrotechnik im Stadion muss nicht legalisiert werden, eine ernsthaft geführte Debatte oder zumindest die Überprüfung der Zweckmäßigkeit des eigenen Verhaltens ist aber mittlerweile mindestens überfällig. Beide Seiten reagieren allerdings eher mit immer größerer Ablehnung. Doch letztlich dürfte auch den Befürwortern von Pyrotechnik klar sein, dass sie sich durch weitere Provokationen weiterhin ins eigene Fleisch schneiden werden, da sich andere Fans von eben jenen Befürwortern abwenden und die Bestrafung eines Kollektivs oder die Verhängung eines Stadionverbots mittlerweile zum Standardrepertoire der Sportgerichtsbarkeit gehört. Ein Ende der Spirale der gegenseitigen Ignoranz ist jedoch am ehesten dann zu erreichen, wenn beide Konfliktparteien aufeinander zugehen. Womöglich hilft dabei die ansonsten zweifelsfrei schädliche Kommerzialisierung des Sports, den Verband zum Umdenken zu bewegen.

Leere Tribünen sind problematisch für die Vermarktung des Premium-Produkts Bundesliga, auch wenn es DFB, DFL, Sky und Co. nicht persönlich betrifft – im Gegensatz zu den Ausgesperrten selbst. Letztlich schadet jeder (Teil-)Ausschluss von Fans aber dem Ansehen der Liga und den Vermarktungsoptionen, wenn immer drakonischere Strafen ausgesprochen werden. Die Verantwortung für eine sinnvolle Konfliktlösung liegt insbesondere beim Verband, der aber leider zu selten positiv vorangeht und oftmals mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint. Das ist jedoch alles andere als ein Freibrief für jene, die es auch im Namen von Borussia Dortmund für legitim erachten, Pyrotechnik im Stadion zu zünden.

Etwas weniger Starrsinn würde beiden Seiten gut zu Gesicht stehen. Auch wenn es am Ende wohl kaum zum legalen Einsatz von Pyrotechnik kommen dürfte, wäre eine weniger aufgeregt geführte Debatte in jedem Fall hilfreich. Jugendkultur lotet manchmal Grenzen aus, provoziert mitunter. Wenn man sich als Verband davon jedoch weniger provozieren ließe, würde aus einem Problem, welches von offizieller Seite gerne als immenses Sicherheitsproblem bezeichnet wird, vielleicht mittelfristig dann eher ein zu vernachlässigendes Thema. Womöglich wäre es dann wie in den 1990er-Jahren, als Pyrotechnik nicht aufgrund immer härterer Strafen aus den Kurven der Bundesliga verschwand…

8.8.2017 stfn84

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