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Unsa Senf - 19.04.2017

​Sperrt die spanischen Vereine endlich

Sie sind im internationalen Fußball die große Attraktion. Real Madrid und der FC Barcelona gehören zu den ruhmreichsten Vereinen des Weltfußballs. Mit Atlético Madrid schickt sich ein weiterer Club an, sich endgültig in der europäischen Spitze zu etablieren und der FC Sevilla räumte in der Zeit von 2014 bis 2016 gleich drei Mal in Folge die Europa League ab. Sportlich, da gibt es kaum einen Zweifel, gibt es kaum größere Herausforderungen, als sich mit einem spanischen Verein auf dem Platz zu messen. Was jedoch ein Feiertag sein sollte, wird für Auswärtsfans mit schöner Regelmäßigkeit zum Albtraum.

Bei aller möglichen Schadenfreude über das Ausscheiden der Bayern im Estadio Santiago Bernabéu, die Bilder, die während der Halbzeitpause entstanden sind, dürften jeden Fußballfan entsetzt haben. Circa fünf Minuten nach Abpfiff der ersten Hälfte stürmten rund 50 spanische Polizisten den vollbesetzten Gästeblock und prügelten mit Schlagstöcken wahllos in die Menge der Anhänger. Scheinbar nur, um ein Spruchband zu entfernen. Man muss nicht extra die obligatorischen „Frauen, Kinder und alte Menschen“ bemühen, um aufzuzeigen, dass es neben den direkten Gewalteinwirkungen extrem gefährlich ist, eine Menschenmasse unkontrolliert in Bewegung zu setzen. Nicht umsonst wird das üblicherweise nur in absoluten Ausnahmefällen vorgenommen. Dazu kommt noch die bauliche Besonderheit dieses wunderschönen Stadions mit seinen extrem steilen Tribünen. Im Oberrang, in dem üblicherweise die Gäste untergebracht werden, muss man sich nach vorne beugen, um das Spielgeschehen vor dem sich darunter befindenden Tor verfolgen zu können, so plötzlich geht es abwärts. Es besteht absolute Lebensgefahr, wenn in Panik geratene Menschen Richtung Balustrade drängen. Aber die spanische Polizei scheint das nicht besonders interessiert zu haben.

Und natürlich wird es kein Zufall gewesen sein, dass dieser gewaltsame Einsatz erst dann erfolgte, als alle angeschlossenen Sender wieder in die heimischen Funkhäuser zur Überbrückung der Halbzeitpause geschaltet haben. Man hat anscheinend eine gewisse Routine darin entwickelt, Gästefans brutal zu überfallen, denn solche Bilder aus den Gästebereichen der iberischen Halbinsel sind kein Einzelfall.

Erst letzte Woche gab es ähnliche Bilder aus der Innenstadt von Madrid, auf denen Fans von Leicester durch die Straßen geprügelt wurden. Natürlich können wir nicht überprüfen, ob die Angaben, dass Ausschreitungen von englischen Fans der eigentliche Auslöser waren, stimmen, allerdings sieht man auf den Videos, wie teilweise von mehreren Polizisten gleichzeitig auf völlig harmlose Menschen eingedroschen wird, die nur versuchen, sich vor den Schlagstocken zu schützen. Und auch deutsche Fußballfans unterschiedlicher Vereine können ein trauriges Lied davon singen.

Im Jahr 2006 spielte Eintracht Frankfurt gegen Celta Vigo. Ein paar Fans kickten auf einem Platz in der Innenstadt. Ein Ball flog in einen Brunnen, ein Eintrachtler wollte ihn sich wiederholen – und wurde dafür mehrmals mit einem Schlagstock traktiert. Im anschließenden Gerangel wurde ein Polizist von einem geworfenen Stuhl verletzt. Daraufhin habe die Polizei massiv Vergeltung geübt und sogar Gummigeschosse gegen die Fans eingesetzt.

2013 wurden Fans des SC Freiburg in Sevilla völlig grundlos auf der Tribüne angegriffen und geschlagen. Der Pressesprecher des SC, also ein offizieller Vereinsvertreter, bezeichnete die Angriffe im Anschluss als „absolute Sauerei“. Eine Beschwerde bei der UEFA blieb allerdings ebenso folgenlos wie eine Intervention unserer Borussia drei Jahre zuvor. Schauplatz war hier ebenfalls Sevilla. Auch wenn man anmerken muss, dass gewaltbereite BVB-Anhänger einen Anlass zum Einschreiten geboten haben, lesen sich Augenzeugenberichte auch heute noch beklemmend. Gezielte Schläge auf die Köpfe der Mitgereisten, völlig egal, ob sie sich auffällig verhalten haben oder ganz friedlich waren. Wahlloser Gewalteinsatz im Block und eine „Einzelbehandlung“ von 16 Fans nach Spielende. Von der anschließenden Festsetzung im Gefängnis berichtet ein Fan wie folgt: „Die haben uns gefragt, ob wir Auschwitz kennen und angedeutet, dass Gas aus der Decke kommt.“ Dann wurden ihnen vorgeschriebene Geständnisse in spanischer Sprache vorgelegt, mit der Wahl, diese sofort zu unterschreiben und ausreisen zu dürfen oder längere Zeit vor Ort einzusitzen. Dass sie damit auch eine einjährige Gefängnisstrafe, zu vier Jahren auf Bewährung ausgesetzt, und ein Einreiseverbot in Spanien akzeptierten, sagte ihnen niemand.

Was passiert wäre, wenn die Geständnisse nicht unterschrieben worden wären, weiß Jörg Heigl. Er wurde beim angesprochenen Spiel der Eintracht in Vigo wegen „Angriff auf die Staatsautorität“ festgenommen und verbrachte 46 Tage in einem Hochsicherheitsgefängnis. Ohne weitere Beweise warf man ihm vor, dass er derjenige war, der den Stuhl geworfen habe. Am 19.12.2006 kam er gegen Zahlung einer Kaution frei, durfte das Land aber nicht verlassen. Bis zu seiner Verhandlung im März des nächsten Jahres musste er sich in der Nähe von Vigo eine Wohnung anmieten. Die elfminütige Verhandlung endete mit einer Haftstrafe von zwei Jahren, zur Bewährung ausgesetzt, und 3.000 € Geldstrafe. Heigl gab offen zu, „kein Kind von Traurigkeit“ gewesen zu sein, beteuerte aber auch zurück in Deutschland weiterhin, am Stuhlwurf unbeteiligt gewesen zu sein.

In der europäischen Union werden selbst Staats- und Regierungschefs nicht müde, die Einhaltung von Menschenrechten und demokratischen Standards von anderen Ländern einzufordern. Es wird Zeit, dass man auch für das Mitgliedsland Spanien klare Worte findet und gegen Polizeigewalt vorgeht. Weder bei der Einsatzvorgehensweise noch bei anschließenden juristischen Verfahren werden für alle verbindliche Mindeststandards eingehalten und Menschen vor Gewalt und Willkür geschützt. Und so lange das der Fall ist, wäre es eigentlich auch Aufgabe der UEFA, über einen Ausschluss der spanischen Vereine vom europäischen Pokalwettbewerb nachzudenken. Bei Fanausschreitungen ist man mit derartigen Sanktionen schnell bei der Hand, warum nicht auch dann, wenn Spielorte für Gästefans augenscheinlich in weiten Teilen nicht sicher sind? Es wäre ein Anfang, um öffentlichen Druck zu erzeugen.

Natürlich, die Antwort liegt auf der Hand: weil es um Geld geht. Eine Champions League ohne Real Madrid und den FC Barcelona verliert massiv an Hochglanz und ein Ausschluss dieser Teams dürfte etliche erboste Anrufe von Sponsoren und TV-Anstalten nach sich ziehen. Dafür nimmt man gerne ein paar blutende Platzwunden im Gästesektor in Kauf. Da klingen die Zeilen aus der offiziellen Verlautbarung der UEFA-Respekt-Kampagne wie blanker Hohn:

„Die Respekt-Kampagne fördert die entscheidende Idee von Respekt innerhalb des Spiels. Die Achtung der gegnerischen Spieler, Trainer und Funktionäre, Schiedsrichter, gegnerischen Fans - und eröffnet die wesentlichen Werte des Fußballs als Sport für alle.“

Zum Abschluss noch gute Besserung nach München an all diejenigen, die ihre Auswärtsfahrt mit Sicherheit nicht in guter Erinnerung behalten werden und die Unterstützung ihres Teams mit Schmerzen bezahlt haben.

19. April 2017, Sascha


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